Eine sinnvolle Hinwendung zum Göttlichen hat mit dem, was die Menschen üblicherweise praktizieren und Gebet nennen, nichts zu tun.
Ihr Gottesbild geht von einem Gott aus, der nicht alles für seine Kinder tut, was er eigentlich tun könnte und der nicht weiß, was sie brauchen, der sich aber umstimmen lässt. Die Mittel sind Beschwörungen, Predigten, Bitten, Rosenkränze, Flehen, Betteln, unzählige Vaterunser, Lieder, pausenloses Wiederholen von Mantras. Es ist mit einem Wort ein unablässiger Redestrom.
Dem gegenüber steht die Interaktionsform der Meditation, die – aus der östlichen Tradition kommend – mittlerweile im Westen Fuß gefasst. Eigene mittelalterliche mystisch-kontemplative Übungen (z. B. Theresa von Avila oder der Autor der „Wolke des Nichtwissens“) wurden seinerzeit von der Inquisition mit dem Vorwurf „verfehlter Gebetsweisen“ abgewürgt.
Die Meditation hat durch ihre Schweigephase die Gemeinschaft mit der göttlichen Seele im Innern zum Ziel, es geht um Zwiesprache mit ihr, um ihre Sprache hörbar werden zu lassen. Es geht darum, ihre führenden Impulse wie unser Bauchgefühl, unsere Intuition, unser Gewissen deutlicher werden zu lassen, es geht um die wahrnehmbare (!) Erfahrung ihrer Gegenwart. Die Meditation strebt die Berührung durch die göttliche Wesenheit im eigenen Innern an, um den Zugang zur eigenen spirituellen Identität und zu ihrer verschüttete Wirksamkeit wiederherzustellen: „Werde, der du bist!“ (Pindar)
Der Sinn, diesen Dialog zu erreichen, besteht darin, ein geführtes Leben verwirklichen zu können, um dessen Bestimmung zur Höherentwicklung zu verwirklichen, wie sie im Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lk. 15, 11 ff.) gezeigt wird: Es zeigt den Weg, aus dem materiellen Bewusstsein zurück in ein spirituelles zu gelangen. Spirituelles Bewusstsein bedeutet, das Zwiegespräch mit Gott erreicht zu haben.
Die meisten Menschen haben den in ihnen angelegten Kommunikationskanal bereits halbaktiv, eigentlich nur zehntelaktiv: Denn sie verwenden ihn zumeist unbewusst, indem sie ihr Verhalten zumindest nach ihrem „Bauchgefühl“ ausrichten. Manchmal machen sie sich sogar klar, dass sie dies tun. In seltenen Fällen warten sie auch noch, bis es auf ihre Fragestellung reagiert.
Aber dieser spirituelle Kontakt hat natürlich immer noch wenig mit einem situativ erforderlichen und aktiv selbst geführten Frage-Antwort-Dialog zu tun, wie es bei Hiob im Kapitel 40 ff. zu sehen ist: „Der Herr antwortete … Hiob antwortete dem Herrn … Und der Herr antwortete dem Hiob … . Bei Neal Donald Walsch sind es literarische „Gespräche mit Gott“, aber die vielen nicht prominenten und teilweise hellsichtigen Menschen, die sich im angeregten Gespräch befinden – wohlgemerkt bidirektional, – bezeugen, dass dieses Niveau erreichbar ist. Der zentrale Nachweis dafür ist der ausschließliche Erfolg dieser geistigen Führung, sofern und nachdem man alle Klippen und Missverständnisse in den Anfängen überwunden hat.
Das Ergebnis ist die Leidfreiheit. Das heißt nicht Problemfreiheit, denn die Wechselfälle des Lebens gehen weiter, zunächst sogar verschärft, dann aber zunehmend schwach und sie gehen vor allem immer gut aus:
Beispiel: Ich bemerke einige Symptome wie Abgeschlagenheit oder auch einige wenige Wadenkrämpfe und hole mein altes Messgerät für den Blutdruck hervor. Die Messung ergibt einen Blutdruck von Systole über 200. Ich bin alarmiert, hoffe auf altersbedingte Fehlmeldungen und kaufe mir ein modernes Gerät mit App in der Cloud. Es zeigt Messergebnisse zwischen 180 und 190. Daraufhin frage ich und lasse durch die Antwort von innen sofort alles Salz weg, verdopple meinen Getränkekonsum, ordere ein spezielles homöopathisches Mittel mit Höchstpotenz und ergreife auch noch eine Reihe von weiteren typischen Anti-Schlaganfall-Maßnahmen, alle penibel nach innerer Anleitung ausgesucht. Nach einigen Monaten pendelt sich der systolische Druck auf einen Wert zwischen 130 und 140 Quecksilbersäule ein.
Wenn man viele dieser Erfahrungen gemacht hat und sie zur Routine geworden sind, hat man die Sinnfrage in Bezug auf die Meditation beantwortet, wie Jesus bei Lukas gleichnishaft das Ergebnis der wiederhergestellten Kommunikation zwischen Mensch und Gott zum Ausdruck bringt: Er lässt Gottvater sagen: „Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ (15, 24) Denn dieser Sohn hat mittels Meditation den Zugang zum geistigen Dialog gefunden, den Jesus weiterhin ausführt: „Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ (15, 21)
Durch die Meditation erreichen wir die Ebene des besagten geistigen direkten Gesprächs. Es hat erst einmal eine wesentlich bessere Vernehmbarkeit ihrer Impulse, vor allem aber klare Antworten auf existenzielle Fragen. Die Antworten erfolgen deutlich verstehbar auf der Ebene der Materie. Hauptsächlich kommen sie in Form des binären Ja-Nein-Systems tiefer Atemimpulse: Dabei gibt die Geistseele grundsätzlich immer nur Ja-Antworten; eine Nein-Antwort gibt es im Dialog mit ihr nicht.
Außerdem ist ein wesentliches Merkmal des fortgeschrittenen Verständigungsniveaus, die spätere Unterscheidung zwischen den Impulsen von „oben“ von der Geistseele und denen – innerhalb des meditativen Dialogs – von „unten“, von der Triebseele zu erlernen, von Mephisto sozusagen.
Ist diese Stufe erreicht, zeigen die dann ausschließlichen Erfolge, wie unsere innere Stimme uns sehr klar und häufig auch gegen manche Rationalität (der Triebseele) sicher durch alle Klippen und Gefahren lenkt. Im Neuen Testament kommt die Kommunikation zwischen der Person Jesus und seiner inneren Führung so zum Ausdruck: „Er betete und sprach … und es erschien ihm ein Engel und stärkte ihn.“ (Kap. 22). In deutlicher Form kommt der spirituelle Dialog in den sogenannten Versuchungen in der Wüste zum Ausdruck, in denen Jesus „vom Geist [Geistseele] in die Wüste geführt, auf dass er vom Teufel [Triebseele, materielle Ebene] versucht würde.“ (Mt. K.4)
Ein besonders klares Beispiel ist die geistige Führung der sechzehnjährigen (!) Johanna von Orleans auf ihrem Weg zur Befreiung Frankreichs:
„Zwei-, dreimal in der Woche sagte mir die Stimme, dass ich, Johanna, nach Frankreich gehen müsste… Die Stimme befahl mir, die Belagerung von Orleans aufzuheben. Sie hieß mich, Robert de Baudricourt aufzusuchen – das war der Stadthauptmann –, dass er mir Leute gäbe, die mit mir kämen. Ich antwortete, ich sei ein armes Mädchen, das nichts vom Reiten noch von der Kriegführung verstünde. …
Als ich in Vaucouleurs ankam, erkannte ich Robert de Baudricourt, und dennoch hatte ich ihn nie gesehen. Ich erkannte ihn durch die Stimme. Sie sagte mir, dass er es war. … Ich kam ohne Hindernis zum König …
Als ich den Saal betrat, erkannte ich ihn unter allen anderen, meine Stimme wies ihn mir. Ich sagte dem König, ich wolle den Krieg gegen die Engländer führen.
Es gibt keinen Tag, an dem ich die Stimme nicht höre, und ich bedarf ihrer. Niemals habe ich anderen Lohn erbeten als das Heil meiner Seele.“
(Jeanne d´Arc: Dokumente ihrer Verurteilung und Rechtfertigung 1431, 1456. Köln 1956, S. 43 ff.)
Der Zweifler könnte annehmen, dass sich Johanna all dies ausgedacht hat, weil es ja niemand geben kann, der so etwas bestätigen könnte. Aber innere geistige Prozesse haben äußere materielle Auswirkungen. Und ihre militärischen Erfolge bei der Befreiung Frankreichs – als Heerführerin mit altgedienten Kommandeuren unter sich – sprechen für sich.
Johannas Führung ist durch eine detaillierte Sprachverwendung gekennzeichnet. Viel häufiger ist aber das besagte binäre Verfahren, in dem die innere Stimme nur auf Fragen reagiert, die auf Ja oder Nein angelegt sind und auf die sie nur als Ja reagiert. Diese Ja-Antwort manifestiert sich zumeist als plötzliches besonders tiefes Einatmen.
Der Pythia, dem Orakel von Delphi, wird eine Mischung aus detaillierter Sprechantwort und binärem Code zugeschrieben. Heutzutage gibt es viele Menschen, die in ihrem Zwiegespräch mit der Seele den einen oder anderen Schwerpunkt zugewiesen bekommen haben. Klare Sprachantworten beschränken sich oft auf einzelne Worte. Die Antworten auf eine differenzierte Fragestellung bekommt der Frager aller Erfahrung nach am besten durch eine strukturierte binäre Abfolge.
Johanna hörte ihre Stimme nur von „oben“, während die Sache in der alltäglichen Erfahrung bei weitem nicht so einfach ist. Denn das Erreichen des Zwiegesprächs erfordert durch die langen Zeiträume und die erheblichen Anforderung an die Disziplin nicht nur erhebliche Anforderungen an Ausdauer und Geduld dar; vielmehr ist entscheidend – geradezu schicksalsbildend –, während dieses Trainings den Kampf mit dem Trommelfeuer der negativen Gedanken für sich zu entscheiden, den Kampf gegen diese zersetzenden Impulse, in dem sich jeder Mensch jeden Tag befindet, den Kampf gegen die Wut, die Aggression, das Zurückschlagen, die Gier und vor allem Ängste aller Art, denen er ausgesetzt ist und praktisch immer verliert, weil er nicht weiß, woher sie kommen, welchem Zweck sie dienen und dass man sie bewusst erfassen und kategorisieren, vor allem aber beherrschen bzw. komplett besiegen kann. Zwar kann man sie nicht daran hindern, überhaupt aufzutreten, aber sehr wohl daran, einzudringen. Man kann also die folgenden und weit schlimmeren überwinden:
– „Ich schaffe das sowieso nicht.“
– „Was wird mit mir bei Jobverlust?“
– „Dem werde ich es heimzahlen!“
– „Remigration der Ausländer!“
– „Ich ärgere mich furchtbar über meinen Fehler!“
– „Du Schlampe!“
– „Nimm dich in Acht, ich drohe dir Prügel an!“
– „Es ist aussichtslos!“
In besonders schweren Fällen hören z. B. psychisch Kranke ihre negativen Stimmen von „unten“ als extrem zerstörerische Manipulation, wie es der Mörder von John Lennon als typisches Beispiel liefert, indem er zu Protokoll gab: „Eine Stimme in mir sagte: Tu es, tu es!“ Insofern müssen die spirituellen Sucher im fortgeschrittenen Level des geistigen Dialogs die besagte Unterscheidung der Geister erkennen lernen.
Vergleich von herkömmlichen Gebet und geistiger Meditation
| Herkömmliches Gebet | Meditation |
| sprechen | hören |
| öffentlich | verborgen im stillen Kämmerlein |
| wollen, flehen | danken |
| Befriedigung von Wünschen | das Wünschen der Seele übergeben |
| Habenwollen; Gott dazu als Instrument | Gott wollen; alles ihm überlassen |
Dualität: ich hier, Gott irgendwo oben | Polarität: Gott in mir, ich sein Ausdruck |
| monodirektional | dialogisch |
| drängen | warten |
| Zweifel an der Allmacht | Vertrauen in die Allmacht |
| Blickwinkel des Ego | Blickwinkel der Seele |
| Mangelbewusstsein | Füllebewusstsein |
| ungehemmter Gedankenstrom | Entleerung von Gedanken |
| Dominanz der Aktivität des Verstandes | Zulassen der Aktivität der Seele |
| Bitten um Zielerfüllung | Übergeben der Zielvorstellung |
Es gibt insofern eine weltliche und eine geistige Auffassung von Gebet. Die weltliche will überwiegend etwas Weltliches. Die Menschen beten zu Gott, damit er das tut, was sie wollen. Damit das nicht so auffällt, betonen sie die Stelle im Vaterunser, die sagt, dass sein Wille geschehen möge, derart, indem sie das „geschehe“ betonen. Ohnehin leben sie ihr Alltagsleben, nachdem sie den Gottesdienst verlassen haben, nach dem Prinzip „Mein Wille geschehe!“.
Die geistige Meditation hingegen strebt vor allem die Berührung durch die göttliche Wesenheit im Innern an, mit der Wahrheit des Lebens; sie strebt die Kommunikation mit ihr an, deren Kanal ohnehin in uns ist, wobei Zugang und dadurch Wirksamkeit aber verschüttet waren. Sie wartet dann ergeben auf das Signal der Geist-Seele, was ziemlich lange dauern kann. Die Alltagsmenschen wollen etwas von Gott, sie haben Wunschvorstellungen und tun alles für deren Erfüllung. Dabei übersehen sie, dass sich genau dazwischen Gott befindet und entscheidet, ob oder ob nicht und außerdem für den Fall der Realisierung, – wie zum Beispiel bei der Partnerfindung, ob erfolgreich oder nicht:
Wunsch > INNENGOTT > > Wunscherfüllung
Alle wissen aus Erfahrung, dass die existenziellen Entscheidungen in den vielen Stationen des Alltagslebens und auch die in Bezug auf materielle Wunscherfüllung mal gut ausgehen und mal schlecht. Die wenigsten machen sich klar, dass sie zunächst jedoch immer von der Selbsterhaltung diktiert werden. Was eine erfolgreiche Wunscherfüllung dann im Rahmen des spirituellen Gesprächs betrifft, so funktioniert sie nur dann, wenn das Motiv der Selbsterhaltung aufgegeben wird und anstelle dessen der Kontakt zur **(Geist-)Seele gesucht wird: Das Prinzip in diesem Zusammenhang muss das Bekenntnis zu „Dein Wille geschehe!“ sein. Dann übernimmt die innere Führung unser Anliegen und erfüllt es, sofern es mit dem Gesamtwohl vereinbar ist.
Das Gebet will Wunscherfüllung, die Meditation enthält das Übergeben der Wunscherfüllung.
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**Weil der Begriff „Seele“ sehr unterschiedlich verwendet wird: Hier wird er als der obere-innere geistige Teil des menschlichen Wesens verstanden (siehe Kapitel 1), die innere Stimme, die Intuition, der spirituelle Kern des Menschen, der Gottessohn, seine Geist-Seele. Der Zusatz „Geist“ soll die Verwechselung von „soul“ und „spirit“ verhindern. Er soll zum Ausdruck bringen, dass mit „soul“ die irdisch-psychische Dimension gemeint ist – wie zum Beispiel in „SOS“: Save Our Souls“, also das materiell-sterbliche Leben. Dagegen meint „spirit“ die geistige unsterbliche Stimme, die Anwesenheit Gottes im Menschen. („Ihr seid alle Götter.“ Joh. 10, 34) („Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Lk. 17, 12)
Der Begriff „Bewusstsein“ bezieht sich wiederum auf die stoffliche Dimension und bezeichnet den Wahrnehmungsbereich der jeweiligen Impulse. Jesus benutzt für die Geistseele (spirit) oft die Begriffe „Reich Gottes“ oder auch „Himmelreich.“ Sie ist wie die horizontale materielle Trieb-Seele der verankerte Bestandteil des menschlichen Innenlebens.
Von der Geburt an dominiert der materielle Teil, die Psyche, das Bewusstsein. Die Empfänglichkeit für den spirituellen Teil bleibt erstmal im Bereich des Unbewussten – abgesehen vom „Bauchgefühl“ oder auch von den „Gewissensbissen.“
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Die göttliche Geistseele spricht immer wieder zu ihrer materiellen Identität, zu ihrer unteren Hälfte, zur Person, zu deren Unbewusstsein wie vor allem zu deren Bewusstsein. Dieses ist aber nicht auf die – geistige – Empfangsfrequenz eingestellt. Paulus formuliert das so, dass die Alltagsmenschen nichts aus der geistigen Welt vernehmen (1. Kor. 2,14). Besonders deutlich kann man das daran ersehen, dass sie Gott in äußeren Formen verehren wie die Personen wie Jesus, Maria, viele Heilige und dann auch noch deren Statuen und Abbildungen, „Goldene Kälber“, dies auch noch in unendlichen Ritualen. Sie kennen das innere Vernehmen durch meditative Versenkung nicht. Das unkontrollierte Zulassen des Gedankenstromes macht die Aufnahmefähigkeit zunichte.
Dabei stellt sich kaum jemand die Frage, warum es das ständige Bombardement der Gedankentätigkeit überhaupt gibt und warum dieses Einprasseln zu gefühlt 99 % aus zersetzenden wut-, hass-, gier-, droh-, anschuldigungs-, selbstvorwurfs-, verlockungs-, vergeltungs- und angsterfüllten Inhalten besteht. Zudem geben die Menschen diesem Hagelschauer im Regelfall auch noch nach: „Ich musste (!) dauernd daran denken!“ So klagen traumatisierte Menschen darüber, dass ihre Katastrophen-, Missbrauchs- oder Kriegserfahrungen sie ihr ganzes Leben nicht loslassen. Sie leiden deshalb unendlich, weil sie einfach nicht wissen, dass die geistig basierte Meditation die negativen Angst-, Wut und Gier-Gedanken sehr wohl kontrollieren und abstellen kann. Man kann sie zwar nicht ganz daran hindern, überhaupt anzukommen, aber sehr wohl, einzudringen und sich breitzumachen.

Buddha, der den Dämonen von Mara widersteht
https://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0046085.html
Wellcome Collection-Galerie -2018-03-27 (zugeschnitten,
um den Schwerpunkt der Bedrohung zu betonen.
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(Das Gesamtbild inklusive Verlockung: s. u.)
Die beste Voraussetzung ist, sich klarzumachen, was der Grund für ihre Existenz und Funktion im menschlichen Leben ist: Es ist die Erzeugung von oft unermesslichem Leiden, wie es das Gleichnis vom Verlorenen Sohn zeigt: Erst durch das Leid, dass er so tief sinkt, dass er Schweinefutter essen muss, findet er den Weg, zum geistigen Bewusstsein zurückzukehren. Die quälenden Gedanken sollen letztlich dazu führen, die Beibehaltung der sklavischen leidvollen Bindung an das materielle Bewusstsein aufzulösen, weil die zunehmend desaströsen Erfahrungen mit ihm ihn fast dazu zwingen, eine Alternative zur Fortführung dieses horizontalen Weges zu finden: Siehe ausführlich Kapitel 13. Denn gutes Zureden über die Weisheitstexte der menschlichen Kulturen – seit immerhin 3000 Jahren – hat bei den meisten Menschen nichts bewirkt. Der Volksmund sagt dazu: „anders verstehen sie es eben nicht mehr.“
Aber das Verständnis für die Funktion und Aufgabe der negativen Gedanken fehlt noch immer. Deshalb versuchen die Menschen nicht, den Lösungsweg des Verlorenen Sohnes (Lk. 15, 11 ff.) zu gehen:
Der rein geistige Mensch (Gottessohn) verlässt seine rein geistige Heimat, das geistige Bewusstsein, in der es nichts Böses gibt. Er lässt sich hinab auf die Ebene der Materie, also in die physikalische Welt. Er nimmt allerdings seine „Erbe“ mit, also die innere Stimme, die in ihm angelegt ist, unabhängig davon, ob sie entfaltet oder einbetoniert ist. Er hat dann als Homo sapiens seinen Auftritt in der materiellen Welt (Zweite Schöpfungsgeschichte) mit dessen rein materiellem Überlebensprogramm. Er vertut sein Leben auf dieser Ebene derart, dass er seinen Besitz verschleudert: „brachte sein Gut durch mit Prassen“ (Lk. 15, 13). Durch diese zunehmende Zerstörungen seiner Lebensgrundlagen „fing er an zu darben.“ Er sinkt dann so tief, dass man tiefer nicht sinken kann. Er hütet die Schweine und muss Lebensmittelabfälle essen, die für die Schweine bestimmt sind: („Treber“ sind ausgepresste Gerste-Rückstände, die Spelzen, als Metapher für schweres Leid.)
Auch hierdurch ziehen 99 % der Menschen keine Konsequenzen, seien es fürchterliche eheliche, nachbarschaftliche, berufliche oder sonstige soziale Konflikte, seien es die Zerstörungen der Lebensgrundlagen durch Umweltkatastrophen oder Kriege, seine es unheilbare Krankheiten oder sogar unheilbare und qualvolle Krankheiten. Durch mangelndes Wissen um die spirituellen Lebensgrundlagen bleiben sie bei der Suche nach Befreiung von ihrem Los stur auf der horizontal-materiellen Ebene und kommen nicht einmal auf die Idee, sich vertikal-spirituell zu orientieren, obwohl alle Weisheitslehren diesen Weg aufzeigen und der Buddhismus ihn sogar zum zentralen Ziel seiner gesamten Lehre erhebt.
Innerhalb der Sucher sind es wiederum nur wenige, die stur wie Hiob auf dem dornenreichen Weg bleiben, obwohl auch die innere geistige Führung deutlicher und stärker wird. Zu ihnen gehört eben dieser scheinbar verlorene Sohn, der bei der Rückkehr und dem Aufstieg fest bleibt, halb dahin gepeitscht durch die katastrophalen weltlichen Null-Perspektiven, halb gestärkt durch die Ermutigungen und die Führung durch die „Göttin Athene“, wie Homer die innere Führung durch den Gottessohn genannt hat. Es geht eben um die Heimkehr zum „Vater“, zur geistigen Heimat, zum geistigen Bewusstseinsanteil. Dieser verlorene Sohn versteht sowohl die materiellen Vernichtungsimpulse wie eben auch diejenigen zu Rettung und Aufstieg. Er entschließt trotz extremen materiellen Drucks zur Rückkehr ins spirituelle Bewusstsein, und zwar mit Demut, nicht Hochmut.
Anstatt die Weisheitslehren zu konsultieren – ein Armutszeugnis für die religiösen Organisationen – versuchen die Menschen, ihren Problemen und damit eben auch den negativen Kanonaden zu entgehen durch Ablenkung aller Art, Drogenkonsum, Autoraserei, Alkoholismus usw. Es funktioniert unterm Strich aber nicht. Es wirkt nur für einen kurzen Moment, der deshalb immer wiederholt und auch noch verstärkt werden muss und in einer Katastrophe endet.
Das Mittel, das sofort wirkt, ist die Bewusstseins- bzw. Gedankenwende weg von der irdischen Ebene hin zur spirituellen Stufe, zum Bewusstsein der eigenen spirituellen Identität, des Gottessohnes im Innern:
„Ihr seid alle Götter!“
„Das Reich Gottes ist in euch!“
„Der, der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist!“

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Mephisto nennt sich den „Geist, der stets verneint.“ (Faust I, Studierzimmer I). Er ist die Verkörperung des niederen Teils der Seele, dieser Trieb- und Bedürfnisstruktur im Menschen, die danach strebt, Mängel zu bekämpfen und nicht weiß, dass sie durch dieses Streben im Sinne von „Es-selbst-egozentrisch-erkämpfen-wollen“ diese Mängel noch vermehrt. Deshalb besteht das tagtägliche Leben aus unzähligen Differenzen zwischen Soll- und Istwert. (Das gilt sogar für Menschen, die in totalem Luxus leben, wenn auch bei ihnen reduziert. Deshalb haben sie auch weniger Chancen, den spirituellen Weg zu finden. Ein Reicher braucht Gott nicht.) Das Ego will andauernd Ziele erreichen bzw. befindet sich ständig auf der Jagd nach der Erfüllung seiner Wünsche, anstatt sich um die Kontaktaufnahme mit seiner Seele, die sich zwischen Wunsch und Ziel befindet, zu kümmern.

Damit verneint das Ego die eigentliche geistige Identität des Menschen. Würde er aber hiernach „trachten“ und würde ihm dies gelingen, wird alles Notwendige hinzugegeben. Das steht nicht nur in Mt. 6, sondern ist die handfeste Erfahrung aller derjenigen, die erfolgreich „getrachtet“ haben. Die Soll-Istwert-Differenz würde dann in zunehmendem Maß aufgehoben. Die innere Führung liefert nicht nur all das, was lebensnotwendig ist und weiterhin, was Erfüllung bringt – auch ungefragt -, sondern darüber hinaus das, was zur Verwirklichung der mehr und mehr hervortretenden Aufträge für das Gesamtwohl erforderlich ist.
Herkömmliches Beten bezweckt, dass Gott etwas bewirken möge, und zwar im Interesse des Betenden. Es ist ego-geleitet. Dabei haben die Weisen gelehrt, dass Gott längst weiß, was wir benötigen, und zwar schon, bevor wir selbst es wissen. Damit ist Beten um Weltliches wie um das tägliche Brot sinnlos. Es ist, als ob man unterm Sonnenschirm die Sonne darum bittet, dass sie doch scheinen möge. Vor allem zeigen die unzähligen Versuche der vergangenen Jahrtausende, Gott um das Ende von Hunger, Krieg, Not und Elend anzubetteln, nicht erhört wurden. Die Menschen haben Tier- und Menschenopfer gebracht, Beschwörungsrituale praktiziert, Bestechungszahlungen wie den Ablass geleistet, ohne Ende gespendet und damit versucht, einen Deal zu machen, usw., aber es hat nichts genützt. Sie taten es, um ihre Ego-Ziele zu verwirklichen und konnten nicht einsehen, dass es nicht funktionierte. Etwas ganz anderes ist es mit der Meditation. Die Suche nach Kontakt mit der inneren Stimme hat einen bestimmten Sinn, aber nicht den, den die Alltagsmenschen ihm beimessen. Die haben wie gesagt Selbsterhaltungswünsche, die sie erfüllt haben möchten. Die innere Führung hingegen erfüllt die absolut verlässliche Selbsterhaltung – wenn auch nach ihren Maßstäben – unter der Voraussetzung der Vereinbarkeit mit dem Gesamtwohl.
„Du darfst zu Gott nicht schrei‘n,
der Brunnquell ist in dir;
stopfst du den Ausgang nicht,
er fließet für und für.“
(Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann I, 55)
Der Sinn des spirituellen Suchens nach Kontakt zur (Geist-)Seele ist die Aufhebung der Trennung von ihr, denn genau diese Ablösung ist die Quelle allen Übels und Leidens. Die Folge der Wiederanbindung ist, dass sie uns unbeschadet und erfolgreich durch die Höhen und Tiefen des alltäglichen Lebens bis ins Detail hinein berät und leitet. Damit demonstriert die Geistseele ihre physische Wirksamkeit im Hier und Jetzt durch Bewahren, Heilen, Schützen, Versorgen und Führen. Das Christentum nennt die Instanz dieses Übergangs der unsichtbaren Kraft in die sichtbare stoffliche Dimension, diese Transformation, den „Heiligen Geist.“ Ist der Kontakt erreicht, kommt es vor, dass die innere Führung z. B. bei Medikamenteneinnahme empfiehlt, die vorgeschriebene Dosis drastisch zu erhöhen oder zu vermindern, um die Wirksamkeit richtig zur Entfaltung zu bringen. Sie führt erkennbar – durch eine Art innerliches Drängen – hin zu bestimmten Entscheidungen oder bremst im gegenteiligen Fall drohende Fehlentscheidungen etwa beim Gebrauchtwagenkauf. Wer sein Hinhören nach innen kultiviert, gewinnt durch sie unschätzbare Entscheidungshilfen. Sie kann vor wichtigen Entscheidungen (Impfen der Kinder, Arztwahl, Wohnungskauf, Umzug, Karriereschritte) zur richtigen Entscheidung hinleiten. Dann lebt man ein Leben nach dem Prinzip „Dein Wille geschehe!“
Auch blockiert sie beispielsweise für einen Moment meine Lenkradbewegung zum Überholen nach links, wenn ein Überholer gerade im toten Winkel war. Sie bewirkt, dass ich eine Website aufsuche, auf der das von mir schon lange gesuchte Produkt endlich zu finden ist, und das vielleicht gerade zu einem Aktionspreis. Sie berät bei Online-Fernkäufen z. B. bei Bekleidung und hilft bei Einkäufen von Lebensmitteln, um Nachteile etwa durch Pestizide zu vermeiden und die beste Wahl zu treffen. All dies und mehr leistet sie, wenn es mir gelingt, mein „Bauchgefühl“ zu verfeinern, indem ich mich vertrauensvoll an sie wende und um Führung bitte. Symbolisch verarbeitet dies Homer in der Odyssee, indem er im Epos gleich in der allerersten Zeile die „Anrufung (!) der Muse“ nennt und später sich ständig mit der Göttin berät. Da liegt ein Vertrauensbeweis vor und kein Betteln um materielle Vorteile. Sein gesamtes Leben davor war geprägt vom Prinzip „Mein Wille geschehe!“
Herkömmliches Gebet ist Mangelbewusstsein
„Unser täglich Brot gib uns heute!“ Nichts anderes tut er schon immer. Jedoch erhalten wir es trotzdem oft nicht, weil wir – unbewusst – alles Mögliche tun, um genau den Erhalt zu verhindern: Wir kleiden – falls überhaupt – unseren Mangel in Gebetsform und betteln um Problemlösung. Mangelbewusstsein erzeugt aber nun einmal Mangel, und deshalb sind solche Gebete kontraproduktiv und eine Missachtung der Schöpfung, die „sehr gut“ ist (Gen. 1, 31).
Natürlich gibt es Situationen, in denen auch von der Seele Geführte in irdischer Not sind. Und natürlich wenden sie sich an ihre innere Führung. Aber sie tragen nicht ihr Problem als Problem vor (= Mangel). Sie sind sich ihres inneren strahlenden Wesens – als Allmacht – bewusst (was so viel bedeutet, dass wir Seele sind) und äußern aufgrund ihrer spirituellen Erfahrung ihre Dankbarkeit, dass sie von dieser inneren Stimme leben. Sie wissen, dass es eigentlich nichts gibt, was man zu erbitten hätte; denn wer die Rückanbindung zur Seele hat, hat sowieso alles, auch materiell. Aber häufig will die Seele nicht nur, dass wir ihr unseren Willen abtreten, sondern dass wir sie dirigieren, indem wir sie um Rat fragen oder um Führung bitten (“Was soll ich jetzt tun?“) oder auch um geistigen Fortschritt. Die Meditierenden äußern die Zuversicht, dass ihnen der Lösungsweg offenbart werde, bitten „Zeige mir den Weg!“ und warten. Die Antwort kommt in manchen Fällen prompt.
Ich befinde mich auf der Heimreise von Budapest nach Hamburg. Mein Taxi vom Bahnhof zum Flughafen Ferihegy gerät in einen unvermuteten und laut Taxifahrer ungewöhnlichen Stau. Es dauert über eine Stunde länger, obwohl der Fahrer die wildesten Umgehungsmanöver fährt. Aufgrund dieser Verwicklung fordert er von mir nur die Hälfte der Summe, die auf dem Taxameter steht. Aber trotzdem bleibt mir nur ein einziger Euro. Da ich aber den Flugschein und meinen Autoschlüssel habe, brauche ich für Hamburg auch nicht mehr. Ich komme fünf Minuten nach dem Ende des Boardings an, das Gate ist zu. Ich zeige Reisepass und Ticket, will schnell meinen Koffer aufgeben und höre: „The aircraft has gone!“ Da das nicht sein kann, laufe ich zum gegenüberliegenden Kofferband. Dort höre ich dasselbe. Die Mitarbeiterin telefoniert und bestätigt, dass der Flieger unüblicherweise etwas verfrüht schon weg ist. Die Verzweiflung will sich meiner bemächtigen. Ich habe kein Geld, keine Kreditkarte o. ä., und zu der Zeit gab es noch keine Handys. Ich habe kein Geld für ein Hotel, nicht einmal für den Bus zum Konsulat, und das ist am Samstagabend ohnehin geschlossen.
Ich wehre nun alle negativen Gedanken ab, wende mich nach innen und bitte um Führung. Dann gibt es einen Moment der Ruhe und Stille. Ohne dass ich vom Verstand her klar habe, was ich tun soll, führen mich meine Schritte noch einmal zum Check-In-Schalter. Die Angestellte hört sich meine Geschichte noch einmal an, mustert mich von oben bis unten, schaut auf ihren Monitor und bleibt dort eine Minute sitzen. Plötzlich steht sie auf und sagt: „Das, was ich jetzt tue, ist unzulässig. Ich gebe Ihnen für morgen Abend für dieselbe Abflugzeit einen Platz in der Maschine nach Hamburg.“ Sie stellt mir ein Ticket aus, ich verbringe die Nacht auf den Flughafenbänken, warte den nächsten Tag hindurch und fliege abends im vollbesetzten Flieger nach Hamburg und komme nach langer Autofahrt erschöpft, aber glücklich zu Hause an.
Ein wesentlicher Faktor, dass die Gebete unerhört bleiben, ist, dass wir durch fortwährendes Produzieren von Gedanken, Worten und Tönen dafür sorgen, dass die leise Stimme der Seele übertönt wird und nicht zu Gehör kommt. Dadurch wird der Kanal verbaut, durch den sie wirksam wird. Denn wir müssen von der sanften Stimme von innen geführt werden und nicht von äußerlichen Überlegungen, Ansichten, Lehren und Deutungen. Je mehr das Denken zur Ruhe kommt, desto mehr wird dasjenige der Seele wirksam. Solange die Gedanken toben dürfen, gibt es weder echte Meditation noch Verbindung mit der Seele.
Weitere Faktoren, die verhindern, Kontakt mit der inneren Führung aufnehmen zu können, sind Wünsche (außer solchen mit spirituellem Inhalt; s. u.) und der Glaube, dass irdische Personen oder Zustände Macht hätten.
Was Wünsche betrifft, so sind sie fast automatisch mit „ich“ und „mein“ verbunden und zeigen deutlich ihren Charakter an. Dafür gibt es ungezählte Beispiele, was Hausbau, Partnerwahl, Kreditaufnahme, Kinderwünsche, Karriereziele usw. betrifft. Niemand weiß, was die Wahrheit ist, niemand weiß, was das für alle Beteiligten das Richtige und Beste ist. Nur wenn der Verstand erfolgreich ausgeklammert wird, kann diese Wahrheit sich entfalten. Deswegen dichtet Robert Browning in Paracelsus, dass der Kanal zu öffnen sei, damit der „gefangene Glanz“ frei werde.
Im Gegensatz zu materiellen Bitten sind solche um geistige Ziele, also Bitten um Führung, Erleuchtung, Beratung usw. naheliegend, praktikabel und zielführend. Nicht von ungefähr leitet Homer die Odyssee mit der „Anrufung der Muse“ ein. Auch in kritischen Situationen sind Appelle wie „Lass‘ mich jetzt bloß nicht im Stich!“ trotz einiger Widersprüchlichkeit alles andere als praxisfern, geben Stabilität und sind erfolgreich.
Was die meditative Interaktion mit der Seele betrifft, so ist neben den spirituellen Betrachtungen der Schwerpunkt das Schweigen. Es ist das Ruhen der Gedanken durch Unterbinden des andauernden Gedankentrommelfeuers. Das führt uns die östliche Tradition vor. Dann lässt uns unser göttlicher Kern Lösungen zukommen in Form von Geistesblitzen, Eingebungen, Ideen usw. Sie kommen, wenn es notwendig ist und vor allem auch auf Anfrage. Insofern ist die Stille nicht das Ziel, sondern das Fundament bzw. die Voraussetzung für das Einströmen der Seelenkraft. Schweigen ist im Gegensatz zu den östlichen Traditionen im Westen bis in die jüngste Vergangenheit eher weniger bekannt gewesen. Es handelt sich aber nicht um ein plan- oder inhaltsloses Schweigen, sondern um ein gezieltes Hinhören, das wir mit der Bitte „Sprich!“ einleiten (s. o. die Anrufung) und damit einen geeigneten Rahmen bzw. eine geeignete Erwartungshaltung aufbauen. Damit bringen wir zum Ausdruck, dass uns daran gelegen ist, von unserer Seele kontaktiert, beraten und geführt zu werden. In der islamischen Märchenwelt muss Aladin die Lampe jedes Mal reiben, damit der Geist erscheint.
Ein Punkt, die Interaktion mit der Seele zu verhindern, ist wie gesagt, das Flehen um Dinge, um materielle Verbesserung. Wenn das Gefäß des Bewusstseins mit Hoffnungen, Plänen und Wünschen schon voll ist, kann nichts an Erfüllung mehr hinein:
In der östlichen Zen-Weisheit gibt es dazu die Geschichte vom Professor, der bei einem Zen-Meister Belehrung sucht. Der Meister bietet Tee an und gießt dem Sucher die Teetasse voll und gießt immer weiter in die bereits gefüllte Tasse. Als der Professor entsetzt ruft, dass die Tasse schon längst voll ist, antwortet der Meister, dass dies ein Sinnbild für das Bewusstsein des Schülers sei: Ein schon mit Wissen und Vorurteilen angefülltes Bewusstsein könne keine Wahrheiten mehr aufnehmen.
Jesus hat übrigens nie darum gebeten, dass Gott irgendetwas für irgendjemanden materiell tun möge. Er sagte vielmehr: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Er brachte damit auch zum Ausdruck, dass nicht er den Gelähmten geheilt hätte, sondern dass dessen eigene Bewusstseinsänderung in Bezug auf die Machtlosigkeit des Übels die Heilung bewirkte. Insofern sind die Gebete in den Gotteshäusern keinesfalls der Schwerpunkt für die Entwicklung des Zwiegesprächs mit dem Innengott. Und sie bestehen aus dem Herunterleiern vorformulierter Versatzstücke, anstatt individuell auf die ganz persönliche Lage des Betenden einzugehen. Diese Rituale sind geräuschvoll und übertönen damit die „stille, sanfte Stimme“ (1. Kö. 19, 12), deshalb geht man individuell ins Kämmerlein und wendet sich im Verborgenen an Gott (Mt. 6,6).
Sie sind außerdem sowohl mängel- als auch überwiegend materiell orientiert, anstatt sich auf geistige Ziele zu konzentrieren, auf das „Trachten.“
Sie enthalten missverständliche Betonungen wie „Dein Wille geschehe!“ mit der Betonung auf der letzten anstatt der ersten Silbe.
Es wird grundsätzlich übersehen, dass es nicht Gott als Zentralmacht ist, der uns Wünsche erfüllt, sondern unser eigenes Bewusstsein, das göttlich ist (christl: Gottessohn) und sich verwirklicht. Da wir unsere eigene göttliche Identität mit der damit verbundenen Machtfülle oberhalb von Gut und Böse im Regelfall nicht kennen, haben wir dieses Mitschöpfertum abgegeben, entfernen uns damit von unserer schicksalsbildenden Kraft und laden unsere Anliegen sogar noch mit Mangel auf. Das führt im günstigsten Fall zu Nichterhörung und Nichterfüllung. Der US-amerikanische Transzendental-Philosoph Ralph Waldo Emerson schreibt dazu:
„Was für Gebete erlauben sich die Menschen? … Jedes Gebet, das irgendeinen besonderen Vorteil … verlangt, ist blasphemisch.
Das wahre Gebet ist die Betrachtung der Dinge dieses Lebens vom höchsten Gesichtspunkte aus. Es ist der Geist Gottes, der da ausspricht, dass sein Werk gut sei. Das Gebet als Mittel, irgendein privates Ziel zu erreichen, ist Gemeinheit und Diebstahl.“ (Essays, Teil 1, Kap. 3)
Füllebewusstsein in der Meditation
Dass ihre Gebete nicht erhört werden, hält die Menschen nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen. Die Menschen beten zu einem Gott, der wie gesagt:
(a) der keine Ahnung hat, was seine Kinder brauchen könnten,
(b) der ihnen ihrer Meinung nach etwas vorenthält,
(c) der für seine Kinder nicht alles tut, was er tun könnte,
(d) der überredet werden kann,
(e) den sie durch Gebet bewegen wollen, das Erwünschte doch noch rauszurücken,
(f) der seine Gaben nach Aufforderung an die einen verteilt, an andere nicht.
Diese Art von Gebeten macht den Schöpfer zu einer Art Weihnachtsmann. Sie sind von Mangel geprägt, anstatt die Fülle dieser Welt zu erkennen. Sie drücken Mangelbewusstsein durch Wollen, Wünschen und Flehen aus. Dadurch verhindern sie, dass der Geist Gottes und dessen Fülle zu den Bittstellern durchdringt. Das wurde durch den Buddha demonstriert: Er hatte lange Zeit vergeblich gesucht und fand erst, als er alle Konzepte des Verlangens abgeworfen und mit Meditieren begonnen hatte, zur Erleuchtung. Dies wird auch durch folgenden Zusammenhang verdeutlicht:
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes …
so wird euch … alles zufallen.“
Mit Reich Gottes ist unser göttliches Bewusstsein gemeint. Dessen Gottessohnschaft wird auch durch das Verhältnis des Sonnenstrahls zur Sonne ausgedrückt. Sie wärmt mit ihrer Wärme und erleuchtet mit ihrem Licht das irdische Leben. Sie durchdringt die Kategorien von Gut und Böse, erkennt hinter der bösen Oberfläche das Nur-Gute und enthält keinen Mangel. Bemerkbar macht sich das unter anderem im Verzicht auf Rache und im ständigen Vergeben, vor allem den Feinden. Wenn uns nicht alles Gute zufällt, dann war es mit dem Trachten nach göttlichem Bewusstsein nicht allzu weit her.
Denn wir sind schon immer mit allem versorgt, was wir brauchen, und mit noch mehr, also nicht nur mit dem Notwendigsten! Das kann man leicht daran sehen, dass die Erde so unfassbar reich an Ressourcen ist, dass sie mit ihren Süßwasservorräten, Holz, Bodenschätzen, Fisch- und Viehbeständen und ergiebigen Böden bequem wesentlich mehr als die gegenwärtigen acht Milliarden Menschen versorgen kann. Wie kann es denn dann sein, dass wir in existenziellen Problemen von akutem Hunger, Unterernährung, Klimakatastrophe, atomarer Bedrohung, Verbrechen, Flucht und Krieg stecken?
„ICH bin gekommen, damit sie das Leben und die volle Genüge haben.“
Der Grund ist, dass dieses Hohe ICH, das in jedem Menschen ist, von ihm erkannt sein muss, damit sich die volle Genüge entfaltet. Das weiß jeder, der sich auf das Wagnis eingelassen hat, sich nicht zuerst um seine materielle Genüge zu kümmern, sondern andersherum zuerst den Zugang zu seinem Hohen ICH gesucht und gefunden hat (wozu er allerdings erst mit harten Schicksalsschlägen hingebracht wurde). Außerdem hat er trotz gelegentlich dramatischen Mangels die Gewissheit aufrechterhalten, dass der winterlich kahle Obstbaum zu gegebener Zeit die volle Genüge gewährleisten wird. Aber wer geht schon durch sein Alltagsleben, sich bei jedem Schritt, souverän und demütig seiner Ebenbildlichkeit (Gen. 1,27) bewusst zu sein?
Das Erkennen ist wie der Umgang mit einer Lampe. Ohne Anschluss an die Elektrizität leuchtet sie nicht, da kann man beten, so viel man will. Der Anschluss ist dadurch gekennzeichnet, dass wir die „Muse“ anriefen, deshalb den Kontakt erhielten und unseren Willen der göttlichen Führung übergeben haben. Wir jagen dann nicht mehr unseren Zielen hinterher, sondern warten – ohne unseren Teil der Arbeit zu vernachlässigen – und lassen auf uns zukommen, was die Seele uns in Bezug auf unser Sehnen zugedacht hat. Was ist dein Wille?
Wie findet man den Dialog?
Wie funktioniert dieses Finden des Dialogs, des direkten Drahts zur Seele? Nach einem Flugzeugabsturz zu Beginn der 2000er Jahre wurde die Trauerfeier für die deutschen Opfer übertragen. Die Predigt leitete der Geistliche auf der Kanzel sinngemäß mit den Worten ein, dass wir alle wüssten, wie unsäglich schwer es sei, mit einem Gott zu leben, der nicht zu uns sprechen würde. Das ist eine Aussage, bei der es schwer ist, nicht aus dem Fernsehsessel zu fallen.
Unsere innere Stimme spricht immer wieder zu uns. Sie äußert sich als innere Empfindung des Drängens in eine bestimmte Richtung bzw. als Hemmen einer Entscheidung in eine andere Richtung. Sie äußert sich als ein Teil unserer Träume, und zwar oft derjenigen, die sich wiederholen. Sie äußert sich als glücklicher „Zufall“, als unerklärliche, „an ein Wunder grenzende“ Rettung oder auch als Vorahnung. Sie äußert sich als eigentlich unübersehbare Zeichen, wenn z. B. einem alles, was man anfasst, misslingt oder als Unverträglichkeit, wenn man sich mit Nahrungsmitteln versorgt, die einem schaden. Sie äußert sich als Krankheit, die einem seine Abweichung vom Kurs der Seele anzeigt. Sie äußert sich darüber hinaus als Gewissen und als Bauchgefühl. Ein Beispiel aus der jüdischen Weisheit ist Hiob: Er sprach nicht über Gott, sondern mit ihm, und Gott antwortete (!), wie er das auch gegenwärtig bei jedem tut, der von sich aus beharrlich „anklopft.“ (Nur in seltenen Fällen ist das auch ohne Suchen und Anklopfen geschehen wie bei Johanna; s.o.). In erster Linie aber äußert sich unsere innere geistige Führung als Dialogpartner in allen nur denkbaren Situationen des alltäglichen Lebens, auch wenn dieser Dialog überwiegend einseitig ist und zumeist als Antwort-Impulse auf unsere irdischen materiellen und vor allem geistigen Fragen erfolgt.
| Das Finden des Dialogs mit der inneren Stimme geht über die Meditation. Die christliche Weisheit formuliert das so: „… klopfet an, so wird euch aufgetan!“ |
| Der islamische Sufi-Mystiker Rumi wählt eine blumige Ausdrucksweise: „Die Milch kann nicht fließen, wenn man nicht daran saugt.“ (Mesnevi I, 2388). |
| Die indisch-arabisch-persische Geschichte von „Aladdin und der Wunderlampe“ spricht vom Reiben dieser Lampe, um den Dschinn und damit eine höhere Macht zu aktivieren. |
| Der Buddha bringt das im Dhammapada so zum Ausdruck: „Fehlt Versenkung, findet keine Weisheit statt.“ (25, 372) |
| Der hinduistischen Weisheit der Gita ist zu entnehmen: „Wer kühn den Weg nach innen geht, gelangt bald zu der Gottheit Reich.“ (V, 6) |
| Lao Tse schreibt im Tao Te King: „Wer die Augen schließt, wird des Unsichtbaren gewahr.“ (14) |
| Sogar Goethe, eher kein Mystiker, schmiedet den folgenden Vers in seinem Gedicht „Vermächtnis“: „Sofort wende dich nach innen, das Zentrum findest du darinnen.“ |
Wir nehmen das Angebot des Anklopfens bewusst und dankbar an, indem wir durch Meditation antworten. Durch den Rückzug in ein stilles Refugium und das Schließen der Augen wendet man sich so weit wie möglich von der Außenwelt ab; das betrifft erst den äußeren Rahmen, dann das Körpergefühl und schließlich die Gedankenwelt. Man strebt danach, zwischen dem Bewusstsein – das etwas ganz anderes ist als das Denken – und den unerwünschten und nicht eingeladenen Gedanken bzw. Impulsen der Triebseele einen größtmöglichen Abstand herzustellen. Das ist nicht einfach, denn von Kindesbeinen an wurden wir nie – wie auch unsere Vorfahren nicht – dazu erzogen, die Angst, die Wut, die Rachsucht, die Sorge, die negativen Gedanken generell zu unterbinden.
Das ist in der östlichen Tradition ganz anders. Hinduismus und Buddhismus haben vielfältige Methoden entwickelt, die Gedankentätigkeit auszublenden, um in die Stille zu gelangen. Denn nur in diesem Zustand kommt die Sprache des Geistes richtig und bewusst durch. Die Gedankenattacken der Angst, Sorge und Wut kommen von „unten“, vom Programm der Selbsterhaltung. Von „oben“ kommt die Intuition; sie strömt aber nur in Stille und Anrufung ein. Das Trommelfeuer der Gedanken hat die verführende Funktion, vom Weg zur Seele abzulenken und uns an die Zusammenhänge und Gesetze der materiellen Welt des Jammertals zu binden. Symbolisch zeigt dies die Geschichte vom Verlorenen Sohn, der sein Glück „draußen“ finden will (wie auch Parzival) und den inneren „Hof des Vaters“ verlässt. Bei Homer in der Odyssee sind es die „Freier“, die Penelope – unsere Seele – erobern wollen. Durch die Stille bzw. Gedankenleere wird die Trennung zwischen mir und der Seele verringert, und ich stelle mehr und mehr die Einheit mit ihr her.
Die Versenkung geschieht unter dem Hauptaspekt des Horchens. Man kommuniziert sozusagen mit den Ohren (nach innen gerichtet) und nicht mit dem Mund. Dann wird der Geist eines Tages zu uns sprechen. Dann kann man seine Gegenwart physisch (!) fühlen (s. u.). Meditation ist das einzige Mittel, die Chance zum Dialog mit der Seele zu nutzen, den Kontakt zu eröffnen und ihn zu verstetigen.
Für diejenigen, die den Dialog gefunden haben, spielt sich das sehr direkt und verbindlich ab. Die innere Stimme reagiert umgehend wie in einem Gespräch zwischen Menschen, allerdings selten mit menschlichen Sätzen und Erklärungen, sondern zumeist mit einem auffallend tiefen Einatmen auf Anfragen, die – binär – mit Ja oder Nein beantwortbar sind. Sie reagiert nur im Fall von Ja. Sie kennt wie gesagt kein Nein. Sie kann sich auch durch Gefühl des Drängens, ein inneres Bild, ein Kribbeln in den Handflächen oder andere physische Formen äußern. Außerdem agiert sie auch von sich aus, was vom Alltagsmenschen immer als „Zufall“, „Glück“, „wie ein Wunder“, „ganze Geschwader von Schutzengeln“ (ein im letzten Moment Ausgeflogener aus Stalingrad) usw. aufgefasst wird.
Im Lauf der Weiterentwicklung des Dialogs stößt der spirituelle Sucher auf die folgenden zwei Phänomene während der Meditation:
1) Einmal wird er zu irgendeinem Zeitpunkt feststellen müssen, dass seine Eingebungen von innen widersprüchlich und z. T. auch widersinnig werden. Von diesem Moment an muss er zur Kenntnis nehmen, dass es auf der geistigen Seite nicht nur eine, sondern zwei Instanzen gibt bzw. dass sich eine zweite eingemischt hat, die Verwirrung stiften will. Es ist dies ein Phänomen, das die Bhagavad Gita in zwei Versen so andeutet:
„Der Wissende ehrt die Götter, der Haftende dient den Dämonen, der Tor dient den niedersten Geistern, …“ (XVII, 4)
| Diese Dämonen und die niedersten Geister befördern durch Hass, Sorge und Angstmacherei den Glauben an die Vielheit, die ja in der sichtbaren Welt als einzig real erscheint, aber trügerisch ist, weil sie die Einheit dahinter verbirgt. Dieser Trug durch Trieb und Instinkt ist, dass die Körper mit ihren Leben (!) voneinander getrennt seien. Dieses Bewusstsein orientiert sich ausschließlich an Materie, an Formen und Körpern. Dazu kommen falsches Wissen und mentale Unbeweglichkeit. (XVIII, 20-22) |
Der „Wissende“ muss dann Verfahren entwickeln, die beiden Quellen zu unterscheiden. Bereits im Mittelalter wird diese Erscheinung unter der Überschrift „Unterscheidung der Geister“ beschrieben und analysiert wie z. B. von Heinrich von Friemar: Der Traktat über die Unterscheidung der Geister. Diese und andere Quellen berufen sich dabei auf die Vielzahl von Fundstellen im Neuen Testament wie z. B. „Glaubt nicht jedem Geiste …“ (1. Joh. 4,1).
2) Der Aspirant macht die Erfahrung, dass er von irgendeinem oft zum fast gleichem Zeitpunkt an mitten in der Nacht aufwacht. Weil sich das häuft, stellt sich mehr und die Frage nach dem Grund: Es handelt sich um einen Aufruf der Seele. Sie fordert zu einer nächtlichen Meditation auf, die sich oft nicht auf ihn, sondern zugunsten eines anderen Menschen oder Umstandes auswirken soll.
Die Voraussetzung für das Erreichen des Dialogs, also dazu, dass einem „aufgetan“ wird, ist erst einmal die, sich überhaupt für den Schritt in die Meditation zu entscheiden, das „Trachten nach dem Reich Gottes.“ Der nächste Punkt ist genauso ausschlaggebend: Man muss darauf eingestellt sein, beim regelmäßigen Meditieren ausdauernd und unbeirrbar zu bleiben, bis etwas passiert. Da reicht es nicht, nur in Monaten zu denken. Es ist wie mit dem Bohren eines Tunnels durch ein Bergmassiv. Es dauert unendlich lange, aber dann kommt der Durchbruch. Man darf nicht träge werden und in die Alltagsabläufe zurückfallen. Dabei ist die hauptsächliche Ausrede: „Keine Zeit!“ Es wird die Ernsthaftigkeit getestet. Diese Anforderung, bei der Sache zu bleiben, hebt der Nazarener bei Matthäus hervor (25, 13).
Dann kommt es darauf an, die Meditation von vornherein auf einen Dialog anzulegen. Das bedeutet, dass die Phase des Schweigens (s. u.) nicht einfach nur ein Stoppen der Gedanken sein kann, sondern dazu als ein bewusstes Horchen verstanden wird. Eingeleitet wird diese Phase durch eine geistige Bitte, nämlich die des erwähnten „Anrufens der Muse“, d. h. wir bitten die Seele um den Dialog. Symbolisch ist das im arabischen Märchen wie gesagt dadurch dargestellt, dass Aladdin die Lampe, die er entdeckt hat, reibt, damit der Geist erscheint. Dieses Vorgehen entspricht dem „Trachten“ nach geistigem Bewusstsein, wie es bei Matthäus im 6. Kapitel ausgesagt wird oder wie William Penn es „die innere Vorbereitung des Herzens“ nennt. Das Schweigen wird vor allem nicht etwa dann beendet, wenn man keine Lust mehr hat oder glaubt, man könne jetzt aussteigen. Vielmehr wartet man in der passiven Schweigephase auf ein Gefühl als Signal der Entlassung und beendet sie erst dann. Das ist ein entscheidender Trainingspunkt. Man entscheidet nicht selbst, sondern überlässt diese Entscheidung der inneren Stimme: „Dein Wille geschehe!“ Es ist natürlich klar, dass diese Auffassung von spirituellem Dialog ein Schlag ins Gesicht des Ego ist, das immer selbstbestimmt und unabhängig sein will.
Der Mystiker Valentin Weigel drückt 1570 die Bedeutung des Schweigens, der höchsten Form der Meditation, so aus:
„Gott gibt uns zuvor, was wir bitten,
und kömpt uns zuvor, …
Gott gebietet uns die Liebe,
wir sollen ihn lieben und unseren Nehesten …
er will auch selbst die Liebe in uns wircken,
wenn wir nur könten schweigen …“
(Kirchen- oder Hauspostille. Evangelium am Sontage Misericordias Domini)
Weigel nennt hier als Elemente der Meditation die Nächstenliebe, das Bitten und das Schweigen. Die religiösen Systeme des Westens kennen im Wesentlichen nur das materielle Bitten, während in den östlichen Urschriften das Schweigen zentraler Bestandteil des Strebens nach dem Zugang zum Göttlichen ist, eben durch die Meditation.
„Wer Yoga übt, der setze sich
in stiller Abgeschiedenheit
allein, seiner Gedanken Herr,
nichts Irdisches, nur Gott im Sinn. …
… der Sinne Schar bändige sodann
entschlossenen Geists von innen her.“
(Bhagavad Gita VI; 10, 24)
Die Praxis des Meditierens
Vor dem Einstieg in die eigentliche Meditation zieht man durch progressive Muskelentspannung o. ä. erst die Aufmerksamkeit vom Körper (Body) ab und dann vom Denken und den Gefühlen (Mind). Das entscheidende Instrument für die mentale Kontrolle ist die Beobachtung der Gedanken. Man lernt, sie mehr und mehr ins Leere laufen zu lassen, d. h. sich nicht mit ihnen zu beschäftigen und erst recht nicht ihre ständigen Wiederholungen zuzulassen. Ohne die bewusste Beobachtung machen sie, was sie wollen – wenn die Katze sozusagen aus dem Haus ist -, und das geht für das Individuum immer schlecht aus. Gedankenleere ist die Voraussetzung für die Entfaltung der Seelenkraft (Spirit). In diesem Moment macht man den Lernprozess, dass Denken und Bewusstsein zwei verschiedene Dinge sind: Man hat sich vom Gedankenrattern befreit und ist trotzdem wach und bei vollem Bewusstsein. Durch den Verlust des Körpergefühls und dann den Verlust der Gedankentätigkeit verlassen wir das horizontale Bewusstsein und treten ein in die vertikale geistige Dimension der Innensonne.
Betrachtungen haben nur in der ersten aktiven Phase der Meditation Platz. Sie dienen dazu, bestimmte Weisheiten ohne Bewertung zu betrachten und sie im Zusammenhang mit der eigenen Lebenssituation von allen Seiten in Wortform zu beleuchten wie z. B.: „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (2. Kor. 12,9). Dadurch wird ein Zustand der Ruhe erreicht, in dem der Ansturm des üblichen Gedankentrommelns abklingt. Ein entscheidendes Verfahren, das Trommelfeuer abzuwehren, ist, sich gedanklich in eine höhere Ebene zu begeben: Man stellt sich z. B. die eigene Seele mit ihrer Allmacht als Aura um die eigene Körperkontur vor. Weiterhin dienen die Weisheitssätze und die damit verbundenen Gedanken dazu, Bewusstseinselemente des Mangels nicht zuzulassen. Deshalb bedenkt man in dieser Phase meist geistige Inhalte. Geht es um Personen, betrachtet man sie als Seele und nicht als äußeren Menschen. Der zweite Teil der aktiven Phase enthält Fragen zur aktuellen Problembewältigung und lässt durchaus konkrete Fragestellungen zu: „Was soll ich tun?“ Dann erfolgt der Übergang in den passiven Schweigemodus. Das Schweigen ist der wichtigste Bestandteil des Gebets bzw. der Meditation:
Das Schweigen bringt das Denken zur Ruhe, dann wird das der Seele wirksam.
Das Schweigen ist Demonstration des Vertrauens gegenüber der inneren Führung.
Das Schweigen ist das Zu- und Hereinlassen der Seelenkraft, macht ihr ihren Weg frei.
Das Schweigen ist das Gegenstück zum Wollen und damit zum Ego.
Das Schweigen verhindert die Identifikation mit den Gedanken.
Das Schweigen ist die Alternative zum Denken über das Göttliche.
Das Schweigen entfernt uns vom Urteil, dass irgendetwas schlecht sei.
Das Schweigen löst uns vom Problem und führt uns zur Wahrheit der „vollen Genüge.“
Das Schweigen führt zur Findung der eigenen Identität und des Einsseins (Ps. 46, 10).
Das Schweigen führt dazu, dass das Problem nicht meines ist, sondern das der Seele.
Das Schweigen vertieft die Einsicht „Der Vater in mir tut die Werke.“
Das Schweigen führt so zur Kommunikation mit dem göttlichen Wesenskern.
In der aktiven Phase der Meditation beleuchtet man keinesfalls das Problem als Problem, sondern soweit möglich ganz neutral als bloße Gegebenheit. Das ist nicht einfach, denn Mephisto fährt schwere Geschütze in Form von Bedrohungsgedanken auf. Dagegen hilft die Bewusstmachung der göttlichen Identität mit Allmacht im Innern. Jedes Mal, wenn Panik kommt, geht man sofort in die eigene Identität des Gottessohnes im Innern. Man bittet auch nicht um die Lösung des Problems oder um einen sonst wie erstrebenswerten materiellen Zustand. Das wäre Mangelbewusstsein, und dessen meditative Vertiefung würde alles höchstens verschlimmern. Vielmehr bittet man – als einzig sinnvolles Bitten -, die Wahrheit aus meinem Innern zu empfangen. Denn die geistige Wahrheit tief im Menschen ist der Schlüssel zur Lösung eben dieses und sowieso aller Probleme – welche überhaupt nur existieren, um die Wahrheit des Lebens wiederzufinden. Allerdings gehört es gerade bei drängenden Angelegenheiten doch dazu, um Führung zu bitten: „Was soll ich tun?“ oder noch besser „Was ist Dein Wille?“
Es wäre manchmal kontraproduktiv, solche Fragen zu stellen wie „Wer war das?“ Das hieße, den Innengott selbstisch ausnutzen zu wollen. Er diente dann sozusagen als spirituelles Fernrohr fürs Ego. Es ist aber durchaus in Ordnung und vor allem erfolgreich, in Erfahrung zu bringen, wie man sich verhalten oder ob man so und so vorgehen soll. Typisches Beispiel: Ich habe die Wahl zwischen drei PKWs beim Autokauf und kann mich nicht entscheiden, weil die Vielzahl der einzelnen Gesichtspunkte und auch der Stellenwert der verschiedenen Vor- und Nachteile mir nicht völlig klar sind. Unter der Voraussetzung eines stabilen und durch viele Erfahrungswerte bewährten geistigen Dialogs klopfe ich an und erhalte die richtige, auch weil zukunftsbezogen erfolgreiche Antwort – in welcher Form auch immer.
Ohne einen Akt von grundsätzlicher Vergebung bräuchten wir die Meditation weder fortzusetzen noch überhaupt erst zu beginnen. Solange im Innern noch Hass und Groll glimmen, ist die nötige Voraussetzung des tiefen geistigen Verständnisses noch nicht vorhanden. Man muss sich klarmachen, dass nicht die betreffende Person uns Schaden zugefügt hat, sondern das Selbsterhaltungsprogramm in ihr. Dadurch entwickelt man die nötige Distanz und das Verständnis dafür, warum die Menschen „nicht wissen, was sie tun.“ Da Vergebung aber nun mal eher Ergebnis als Voraussetzung der Meditation ist, müssen wir zwangsläufig eine Zeit mit einem solchen Widerspruch leben.
Solange man noch nicht den Dialog oder ein unmissverständliches Bauchgefühl hat, muss man zwangsläufig nach Vernunft handeln, dabei den selbstbezogenen Aspekt zurückdrängen und so gut es geht, den des Gesamtwohls berücksichtigen. Denn wenn das Scheinen der Sonne für mich eingetreten ist, ist es dennoch nicht nur für mich gedacht. Die Sonne scheint schließlich nicht nur auf die engen Grenzen meines Gartens und macht nicht am Gartenzaun Halt. Alles, was sich dann als Wohlergehen einstellt, ist nichts anderes als eine Basis für die Ausbreitung des Sonnenscheins auf andere Menschen. Es gibt viele Beispiele dafür in der alltäglichen Praxis, übrigens auch, wenn sie keinen spirituellen Hintergrund haben: Es kommt immer wieder vor, dass Einzelne oder Paare, deren ein großes Unglück widerfuhr, auf Grund dieses Impulses Initiativen gründeten, um Erfahrungen austauschen und diese anderen zur Verfügung stellen zu können.
Im binären Kommunikationsmodus mit der inneren Stimme liegt die Schwierigkeit darin, nur die vom begrenzten Verstand denkbaren Möglichkeiten abtasten zu können und auf Ja oder Nein abzufragen. Die Beschränkung liegt auf der Hand, weil es sich nur um die für den Verstand vorstellbaren Wege handelt, obwohl ein Teil der intuitiven Lösungen gerade über diese Vorstellungsgrenzen hinausgeht und trotzdem oft von frappierender Einfachheit sind. Es geht immer um die Wiedervereinigung mit der Quelle des Lebens, die uns damit auch untereinander verbindet. Nebenbei werden zudem auch alle, die zu unserem Bewusstseinszustand gehören, dadurch zu uns geführt.
Wenn man telefonisch jemanden erreichen will, wählt man seine Nummer. Aber die Wählmechanik verbindet uns nicht direkt mit dem Gesprächspartner. Das ist nicht möglich, denn dann müssten in der Wand hinter der Telefondose festnetzmäßig so viele Kabelenden stecken, wie es Teilnehmer weltweit gibt. Vielmehr geht der Ruf (über Gruppenwähler als Zwischeninstanzen) zur Zentrale; diese verbindet die anrufende Seite über Zwischenwähler mit der anzurufenden. Die Zentrale ist eine höhere Ebene, von der aus die Kommunikation und damit die „Problemlösung“ erfolgt. Sie führt die Erreichung des Ziels herbei. In einem spirituell erfolgreichen Leben geht man nicht von A nach B, sondern von A nach C (wie Central). Das bedeutet, man nimmt z. B. bei Geldmangel oder Arbeitslosigkeit vom Ziel B (Arbeitsplatz) in der Meditation Abstand vom Problem und übergibt dem Selbst, als C die Angelegenheit und wartet auf Anleitung.

Man geht nach innen also nicht, um den Fehler zu finden, sondern die Wahrheit. Daraus ergibt sich, dass der folgende äußere Heilungsprozess durch eine Änderung des Bewusstseins zustande kam und nicht durch irgendeinen Gott irgendwo da oben. Man heilt das Bewusstsein vertikal in Richtung Geistigkeit, und dieses heilt den Mangel (siehe Kapitel 10). Man konzentriert sich nicht auf die Problemlösung, sondern auf den Problemlöser. Wenn man z. B. ohne Partner ist und ein Sehnen nach Partnerschaft verspürt, übergibt man in der Meditation selbstlos die Verwirklichung der inneren Führung und wendet sich nicht als erstes an eine Partnerschaftsbörse. Eingeschlossen in diese Haltung des „Dein Wille geschehe“ ist allerdings auch das Dulden, dass die Seele gegenwärtig vielleicht keine Zweisamkeit vorsieht. Man vermeidet Vorstellungen einer Mangelsituation, sondern füllt das Bewusstsein mit der eigenen göttlichen Identität und einer passenden Weisheit wie oben z. B. „ICH bin gekommen, damit sie das Leben und die Fülle haben“ oder „Sogar, wenn ich nicht mehr aus noch ein weiß, bin ich Ausdruck einer Kraft, die das bewältigen kann.“ Dann beginnt man vertrauensvoll mit Warten auf die Freigabe in der Meditation und auf später auf Zeichen, Informationen, Konstellationen oder Vorfälle, die die Lösung zeigen oder bringen. Das kann dauern. Der Bauer kann auch nicht erwarten, dass das Getreide, das er im März gesät hat, schon im April Ertrag bringt. So kann man den Spagat zwischen eigenem Sehnen und Selbstlosigkeit realisieren. Ein idealtypisches Beispiel ist das Verhalten vom Nazarener im Garten Gethsemane. Dort äußert er gegenüber dem „Vater in mir“ sein Verlangen (!), dass der Kelch der Gefangennahme und Hinrichtung an ihm vorübergehen möge, ordnet sich aber gleichzeitig seiner inneren Führung unter. Er ordnet sich, seiner geistigen Identität bewusst, in das Gesamtkonzept ein. Es gibt unzählige Probleme in unserem Leben, große und auch ganz kleine, aber auf alle, deren Lösung wir wirklich brauchen, gibt es eine Antwort von innen.
Während das Gebet des Alltagsmenschen die Verwirklichung materieller Wünsche bezweckt, – auch im rituellen Herunterleiern von Gebetsformeln wie z. B. dem Vaterunser -, ist das Hauptziel der nach innen gerichteten Meditation der spirituelle Dialog, die Gemeinschaft mit der inneren Führung. Denn die geht vor uns her und ebnet alle Hindernisse ein (Jes. 45,2) – auch materiell – und führt zur letztendlichen Bestimmung eines jeden Menschen. Es ist die Rückkehr zu des „Vaters Hof“, wie sie im Gleichnis vom Verlorenen Sohn beschrieben ist. Deren Voraussetzung ist regelmäßige und nicht nur gelegentliche Meditation. Sie es . Neben der Selbstprogrammierung enthält sie den quantitativen Aspekt des Auftankens: Da eine einmalige Aufladung mit geistiger Energie für einen ganzen Tag nicht ausreicht – man isst auch nicht nur einmal am Tag -, benötigt man dreimal täglich eine meditative Versenkung, um den Ablenkungen der äußeren Welt auf Dauer nicht zu verfallen. Der materielle Mensch kommt nicht ohne Essen und Trinken aus, der spirituelle nicht ohne Meditation. Ohne sie ist geistige Wahrnehmung fast ausgeschlossen, weil ohne sie der Verstand nicht ausgeklammert und Gedankenruhe nicht erreicht werden kann.
Mit zunehmender meditativer Erfahrung ändert sich erstens der individuelle Modus immer wieder, und zweitens weiten sich die meditativen Phasen insofern aus, als kurzfristige meditative Elemente hinzukommen: Vor Antritt einer Fahrt, vor Betreten eines Raumes, vor dem ersten Bissen einer Mahlzeit, nach dem Geblitztwerden, vor dem Telefonat oder Geschäftsgespräch, vor dem Einschalten des Radios oder PCs, usw. Das wird weiter und weiter ausgedehnt, so dass keine Viertelstunde vergeht, ohne dass auch ohne diese äußeren Anlässe eine Vergegenwärtigung der inneren Sonne unternommen wird. Schließlich kann man einen Bewusstseinszustand erreichen, der quantitativ von vielleicht sogar an die 50 % Verbleib im „Reich Gottes“ geprägt ist: Dies wäre dann eine Art **Thronsaalbewusstsein. Manche „Auserwählte“ (Begriff aus dem Film „Matrix“) erreichen mehr. Der Urvater des Christentums Paulus bezeichnet dieses Stadium als Beten „ohn‘ Unterlass.“ Zum Trainieren kann es nützlich sein, sich die Timer-Funktion seines Handys aufzurufen und sich in regelmäßigen kurzen Abständen an diese Sekundenmeditationen erinnern zu lassen. So viel zum quantitativen Aspekt.
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**Wenn z. B. ein mittelalterlicher Architekt vom König den Auftrag erhält, den Thronsaal zu erweitern und seine Arbeit vor Ort im eben diesem Saal macht, dann wird er auch bei hoher Konzentration auf die Entwürfe immer parallel im Hinterkopf haben, an welchem Ort er sich befindet. Dieses Doppel- oder Hintergrundbewusstsein, das bei der Hindurchschau eine große Rolle spielt, soll „Thronsaalbewusstsein“ genannt werden.
Der moderne Ausdruck dafür ist Achtsamkeit, nicht Konzentration.
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Qualitativ ist der Weg zur Gedankenleere alles andere als einfach, weil die negativen Gedanken der Sorge, der Vergeltung usw., also die Inhalte, versuchen, die Anhaftung des Aspiranten an die nicht-geistige grobe physische Umwelt beizubehalten.
Das wichtigste Instrument des Trainings ist die Beobachtung der Gedanken. Es bedeutet, nicht ihren Inhalt aufzunehmen, sondern ihre Kategorie. Damit ist gemeint, sich bewusst zu machen, dass da soeben ein Gedankenpaket z. B. der Klassifizierung „Sorge“ eindringen wollte. Man ignoriert den Inhalt, lässt ihn nicht eindringen und geht sofort in die Selbsterkenntnis des Innengottes: Gnothi se auton! Die Hinduisten und Jainas würden sagen: OM!
Es gibt im Alltagsleben eine Unmenge von Fragen und damit von Entscheidungen, wie wir verfahren sollten. Das kann den Umgang mit Partnern, Kindern usw. betreffen, das Auffinden geeigneter Heilmittel oder Heilpersonen oder das Vorgehen in geschäftlichen oder allgemein beruflichen Fragen. Die vielen Entscheidungen, die tagtäglich zu treffen sind, sind oft mit schwerwiegenden Konsequenzen verbunden und beziehen sich ja nicht nur auf den Kauf etwa eines Gebrauchtwagens. Es geht um Partnerwahl, Scheidewege in der Karriere, Investitionen, Personalentscheidungen, es kann für Manager des Herstellers darum gehen, ob man auf Hybridautos, E-Autos oder welche mit Brennstoffzellen setzt, um die Berufswahl nach der Schule, Finanzierungen usw. Es sind insgesamt alles Probleme, bei denen eine letztgültige Autorität fehlt und die bei Fehlentscheidungen fatal enden können. Das gilt sogar für die Beratung durch den Chefarzt, dessen 60:40-Statistik bei der Prognose für den OP-Erfolg nur eine sehr bedingte Entscheidungshilfe ist. Viele legen sich für den Entschluss eine Pro-und-Contra-Liste an, weil sie aufs analytische Denken vertrauen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, aber die meist knappen Entscheidungen lösen sie nicht, können sie nicht lösen. Letztlich läuft es dann doch auf die sogenannten Bauchentscheidungen hinaus, verbunden immer mir Angst, doch die falsche Entscheidung getroffen zu haben und die Verantwortung tragen zu müssen. Aber solche Bauchentscheidungen haben mit spirituell basierter Verlässlichkeit nichts zu tun, weil sie unbewusst erfolgen und unfundiert sind. Erst der spirituelle Dialog bringt Sicherheit. Allerdings ist das kein vollständiger Garant für einen Erfolg im eigenen Sinn, denn die Seele führt mich unter dem Primat des Gesamtwohls, und das muss nicht im immer mit den eigenen Wünschen übereinstimmen. Beispielsweise kann man mit seinem Auto äußerst zufrieden sein und erhält trotzdem einen Impuls, ein neueres zu kaufen. Der Impuls kann auch äußerlich kommen, z. B. durch einen Totalschaden. Dann steht man vor dem Problem der Auswahl. Bei der anschließenden Frage „Welches Auto?“ stellt die innere Führung eine unschätzbare Entscheidungshilfe dar. Später kann man dann durch die Erfahrungen mit dem neuen Auto – das man ohne Führung auf keinen Fall gekauft hätte – die Weisheit dieser Anleitung ermessen.
Bei der Führung in materiellen Dingen ist es weiterhin wichtig, sie nicht als Werkzeug, als verlängertes Fernrohr für die eigenen Interessen benutzen zu wollen. Das Ego möchte immer selbst entscheiden und dabei die Kontrolle nicht abgeben. Deshalb gehört zum spirituellen Kontakt immer die gehorsame (!) Ausführung, was nichts anderes ist als die Realisierung des Prinzips „Dein Wille geschehe!“
Ein junger Büroangestellter ist unzufrieden mit seiner beruflichen Tätigkeit, die für ihn zu eintönig ist. Er fragt innen, ob er das Angebot seines Bekannten annehmen soll, mit ihm zusammen als Vertreter zu arbeiten. Die Antwort lautet Ja. Als sich das Umsatteln als Fehlschlag erwiesen hat, hat er aber dadurch seine Kompetenzen und seine Rolle im Gesamtkonzept klarer erkannt. Er nahm seine alte Tätigkeit wieder auf, jetzt aber mit Zufriedenheit und neuer Motivation.
Für die spirituelle Rückkehr ist es nützlich, neben regelmäßiger Meditation auch das Studium der Weisheitsschriften einzubeziehen und die entsprechend intuitiv basierte Umsetzung zu beobachten.
Phasen der Meditation
Das, was die moderne Meditation ausmacht, besteht grob zusammengefasst aus drei Phasen. Zur Vorbereitung – liegend oder im Yogasitz und mit geschlossenen Augen – sind folgende Punkte wichtig: Man geht in sein „… Kämmerlein, schließt die Tür zu … und betet im Verborgenen …“
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* Shankara illustriert das Zurückweisen des Trommelfeuers der Gedanken mit dem Bild, dass das Gift der Kobra nicht wirken kann, wenn es nicht in den Körper gelangt.
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Dann praktiziert man etwa durch progressive Muskelentspannung oder ähnliche Konzepte einen Zustand, der zum Verlust des Körperbewusstseins führt. Dies ist die Basis für den zweiten Schritt, den Verlust des mentalen und emotionalen Bewusstseins. Erst wenn die irdisch-materiellen Faktoren ausgeblendet sind, ist Raum für die Seelenwirksamkeit geschaffen.
Nach dem Überwinden physischer und psychischer Empfindung beginnt man damit, dass man den Gedankenstrom, den man nicht eingeladen hat und der unerwünscht auf einen einstürmt, aufmerksam zu beobachten. Man lässt sich also wie gesagt nicht auf die Inhalte ein, sondern nimmt nur den Titel zur Kenntnis, etwa so: Sieh an, da kommt ein Wutgedanke. Das Beobachten erfolgt also nicht inhaltsbezogen, d. h. ängstliche oder aggressive Gedanken als solche aufzufassen, sondern wir charakterisieren den betreffenden Gedanken rein formal, statistisch sozusagen: „Aha, ein Angstgedanke.“ Dadurch wird erschwert, dass er sich ausbreitet oder sich wiederholt. Denn solange sich immer wieder Gedanken in die Meditation einmischen können, wird sie zu stark gestört.
Ihr erfolgreiches Abblocken ist eine entscheidende Voraussetzung der Meditation und damit für die Öffnung des Kommunikationskanals. Das beste Hilfsmittel ist, sofort aus der horizontal-irdischen Gedankenebene in die vertikal-geistige umzuschalten. Hierbei ist die erste Wahl, sich den eigenen göttlichen Wesenskern bewusst zu machen. Hilfreich sind Bezugspunkte wie solche Worte aus den Weisheitslehren der Religionsgründer wie etwa solche von Jesus wie: „Das Reich Gottes ist in euch!“ (Lk. 17, 12)
Ebenfalls unterstützen visuelle Vorstellungen das Eindringen von Wut-, Angst- und Aggressionsgedanken (s. o.): Das sind nicht Versuche, das Unsichtbare sichtbar zu machen, sondern man macht sich eine Hilfsvorstellung vom spirituellen Teil der eigenen Identität, von seiner individuellen Gottessohnschaft.
– Paulus: „Der, der in euch ist, ist größer als der in der Welt ist.“ (1. Joh. 4, 4)
– Koran: „Wir erschufen den Menschen und … sind ihm näher als seine Hals-
schlagader.“ (Sure 50, 15)
– Hindu-Gott Krshna: „Wer kühn den Weg nach innen geht, gelangt bald zu der
Gottheit Reich.“ (Bhagavad Gita: V, 6). oder:
– „Wer sich ganz in mich versenkt und mich stets in sich weiß, der ist dem Heil am
nächsten.“ (Gita: XII, 2)
In der griechischen Mythologie wird die Meditation symbolisch ausgedrückt durch die fünfte Heldentat des Herakles, der den Löwen von Nemea, ein negatives tierisches Gedanken(!)ungeheuer, dadurch besiegt, indem er in die Höhle des Löwen geht, die beiden (!) Eingängen (Augen) verschließt und dort das Untier ohne Waffen (!) erwürgt, ihm also die Luft zum Atmen nimmt. Das Zulassen der Angst-, Mangel- und Wutgedanken ist die Existenzgrundlage für das persönliche Jammertal. Gehen wir aber über die Beobachtung des Gedankenstromes in die Vertikale ins Schweigen, haben die Attacken keine Möglichkeit des Andockens mehr, sie können sich nicht festsetzen und werden deshalb abgewürgt. So ist der Kanal für die innere Stimme freigeräumt, denn die Beobachtung nimmt die Perspektive unserer Seele ein. Wir schalten den Standpunkt der Betrachtung um auf unser höheres Selbst.
„So du das ew’ge Wort
in dir willst hören sprechen,
so musst du dich zuvor
von Unruh ganz entbrechen.“
(Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann I, 85)
Damit werden das Habenwollen und die Orientierung an den Spielregeln der äußeren Welt überwunden und damit der Ursprung des Bösen. Solange das nicht klappt, gibt es verschiedene Hilfsmittel. Wir halten immer mal wieder den Atem an. In diesem Moment ist der Gedankenterror ebenfalls gestoppt. Das macht man so lange, bis der Schwenk auf unser spirituelles „ich“ besser funktioniert. Außerdem kann man die Gedankenflut einige Momente dadurch einschüchtern, dass man die Frage stellt: „Wer traut sich jetzt wohl als Nächster einzudringen?“ Diese Helferlein sind aber nur als temporäre Hilfsmittel für den Einstieg gedacht und verlieren mit zunehmender Praxis ihre Bedeutung. Dann befreien wir uns von jeglicher Feindseligkeit gegenüber missliebigen Zeitgenossen durch Hindurchschau auf deren spirituellen Wesenskern. Die Interaktion der beiden Seelen – in mir und dem Kontrahenten – ist immer harmonisch. Das ist ein machtvolles Instrument in jeder Streitigkeit. Ohne die dazu gehörige ständige Vergebung oder zumindest das Bemühen darum brauchen wir – außer in der Anfangszeit – gar nicht weiterzumachen, es würde den Zugang zum Göttlichen verstellen.
Dann erbitten wir Erleuchtung für die Welt, nicht für unsere Person. Das ist ein wichtiger Punkt, denn die Sonne scheint auf alle. Insofern kommt den so Bittenden eine gewisse Verantwortung für die weiteren Geschehnisse auf der irdischen Ebene zu. Die Aufmerksamkeit gilt wie auch sonst nicht uns selbst, sondern dem Gesamtwohl: In einem Streit beispielsweise um das Sorgerecht für die Kinder nach einer Ehescheidung geht es allzu häufig nur um die Verwirklichung egobezogener Interessen, auf Biegen und Brechen. Würde jeder Partner versuchen, zumindest die Position des Familienrichters einzunehmen, bei dem es vornehmlich um das Kindeswohl geht, wäre viel für Frieden und zugleich die Liquidierung des Egoprogramms getan.
Die zweite Phase besteht aus dem betrachtenden Teil der Meditation und ist der erste Schwerpunkt des gesamten Ablaufs, ein weiterer aktiver Teil der Versenkung. Diese Phase besteht aus der Betrachtung einer geistigen Wahrheit (hier schwerpunktweise der christlichen Weisheit entnommen) wie z. B.:
– „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.
– „Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“
– „Siebzigmal siebenmal meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben.“
Hierbei ist die Aktivität des Verstandes schon reduziert, negative Gedankenattacken spielen schon eine geringere Rolle, das Bewusstsein ist weitgehend gefüllt mit der Wahrheitsaussage und seiner Vergegenständlichung in unserem Leben. Ohne die Betrachtung solcher Prinzipien in jeder Meditation ist diese deutlich in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt.
In diese Phase der Meditation gehört ebenfalls die spirituelle Analyse, die Betrachtung unserer Entscheidungen oder Verhaltensweisen unter geistigen Gesichtspunkten, unabhängig davon, ob wir zukünftige Vorhaben bedenken oder krisenhafte Erfahrungen, Fehlreaktionen usw. auswerten, vor allem, was den Verlass auf den Verstand betrifft, auf den aber kein Verlass ist, weil er keine Entscheidungsinstanz ist, sondern Instrument; und dies allzu oft fürs Ego.
Der wesentliche Charakterzug dieser Betrachtung ist, dass man einen Gegenstand, einen Zustand, eine Situation oder einen Menschen ohne Wunsch, ohne Angst und ohne Gut und Schlecht betrachtet. Dann ist die Betrachtung ich-los und befreit vom gut-bösen Denkmuster.
Angenommen, ich habe in meiner Tennisabteilung ein Mitglied, das wie ich schwach spielt. Wenn wir zusammen Doppel spielen und er besonders viele technische Fehler macht, brüllt er seinen Unmut heraus, bezieht ihn aber nicht auf sich, um anschließend, wenn ich dann Fehler mache, mich mit einem Schwall von Vorwürfen zu überschütten. Klar, er projiziert seinen Mangel von sich weg auf den nächstliegenden Sündenbock. Würde ich nun, wie es die Menschen normalerweise machen, mich verteidigen oder – schlimmstmöglich und zugleich üblich – mit einem Gegenangriff unter Hinweis auf auch sein unterirdisches Spiel antworten, wären Eskalation und nachhaltige Vergiftung der Atmosphäre im gesamten Team unvermeidlich. Wenn ich hingegen weiß bzw. mir in einer Sekundenmeditation klarmache, dass ich Träger des Gottessohnes bin, dass die Interaktion unserer beiden Seelen immer und grundsätzlich harmonisch ist und dass das Übel machtlos ist, brauche ich äußerlich überhaupt nicht mehr zurückzuschlagen (obwohl das irgendwann bei besonders verbohrten Zeitgenossen erforderlich sein kann). Innerlich kontere ich die triebgesteuerten Impulse und Gedanken, die meine Gegenwehr fordern, mit der passenden Wahrheit wie z. B. „Er kann nicht wissen, was er tut.“ Dann hat mein Ego-Anteil durch die Dominanz der Seelenkraft nicht mehr die Energie, mein Selbsterhaltungs- und Dominanzbestreben umzusetzen. Ich erkenne den Gottessohn mit seiner Allmacht in mir und dann auch in ihm und lasse den Schimpf einigermaßen gelassen an mir abprallen. Dann geschieht ein Wunder. Er wird zunehmend kleinlaut, auch wenn das lange dauern kann. Während späterer Trainingszeiten wird er in zunehmendem Maß entgegenkommender – allerdings mit gelegentlichem Ego-Aufflammen. Durch mein Erkennen meiner (und seiner) Geistseele hat seine es viel leichter, sein Ego zu durchbrechen.
Nur mit Hindurchschau gelangen wir zum Nur-guten, unter den Schirm des Höchsten, zur Sichtweise der Geistseele. Würden wir das Böse mit in die Meditation nehmen und es auch noch als böse auffassen, anstatt es als Weckruf zur Umkehr verstehen, wird das Böse real. Beleuchte ich aber meinen Konkurs, meine gescheiterte Ehe, meine schwere Krankheit, meinen Kontrahenten usw. erst einmal neutral und gehe ich gedanklich alle Aspekte in der Verbindung mit den entsprechenden geistigen Prinzipien durch, dann wird das Übel schwinden.
Dabei heißt „geistiges Prinzip“, dass mein Konkurrent, mein/e Ex, mein Feind usw. in Wirklichkeit in (geistiger) Einheit mit mir sind – wie die Finger der Hand durch den gemeinsamen Blutstrom. Deshalb stelle ich mir in der Versenkung mich selbst als mit einer Aura ausgestattet vor, die ich ausstrahle und meine Feinde mit einer ebensolchen. Dann beginne ich zu verstehen, dass echte Selbsterhaltung nur möglich ist, wenn ich nicht nur für mich selbst da bin (was aber 99 % aller Menschen glauben und befolgen), sondern in erster Linie für alle anderen Menschen. Dann und erst dann ist meine eigene Selbsterhaltung gesichert. Nichts anderes meint die sogenannte „Goldene Regel.“
Dann habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass es nichts gibt, worum ich mich sorgen müsste. Probleme und Reflexionen, die Einteilungen in gut und schlecht enthalten, gehören also in keinem Fall in die Meditation, auch „gute“ nicht, denn „gut“ ist eine Kategorie des materiellen Menschen, und Problembilder enthalten eben Böses und können damit nicht Bestandteil geistiger, wahrheitsgemäßer Betrachtung sein. Denn die Schöpfung ist „sehr gut.“ Besonders in der Meditation haben die „Dämonen“ die Eigenschaft, schneller als alles andere zu vertieftem Bewusstsein zu werden und damit Unheil heraufzubeschwören.
Das zeigt die Geschichte von dem Segler, der zu Beginn eines aufwendig vorbereiteten Segeltörns einen schweren Unfall hat, der gekentert ist, dann im Krankenhaus aufwacht und den spirituellen Lehrer fragt, warum ihm das passieren konnte, obwohl er doch vor Antritt der Fahrt extra lange und intensiv meditiert hat, um sich vor den vielfältigen Gefahren (!?) in den starken Strömungen nahe der Küste zu schützen!
Das bedeutet, auch bei drängenden Fragen keinesfalls die Probleme als negativ zu thematisieren. Wir lösen uns so vom Gegenstand, von der Oberfläche, von der Erscheinung. Wir schauen hinter die Kulissen, erfassen eben das spirituelle Wesen. Bei einem Feind z. B. sehen wir dann nur seine göttliche Identität, bei einer Krise ihren tiefen Sinn. Dann haben wir bewusstseinsbildendes Böses ausgeschaltet durch Vermeiden von Bewertungen. Der Tanach würde sagen: Das ist das Paradies. Bereits in dieser Phase kann es geschehen, dass sich bei hinreichender Ausdauer die Intuition einschaltet und uns mit Eingebungen versorgt, auf die wir vielleicht niemals gekommen wären. Auch können wir Fragen stellen, welche Entscheidung uns die Seele empfiehlt, und auch um Hinweise bitten, falls wir nicht die geringste Ahnung haben, wohin die Reise gehen soll – so wie Odysseus sich von der Göttin Athene beraten und führen lässt. In der fortgeschrittenen Meditation erhalten wir häufig sofort klare Antworten, gelegentlich lassen die Antworten sich aber auch sich warten. Sie kommen zu einem günstigeren Zeitpunkt (Kairos) oder in anderer Form. Die Form der Antworten ist von Person zu Person sehr unterschiedlich: Es können visuelle Eindrücke ähnlich Traumbildern sein, es können Fingerzeige mit Parallele zur Frage, Erlebnisse mit Aussagekraft in deutlichem Bezug zur Frage sein, hauptsächlich aber eine binär codierte Bestätigung durch tiefen Atem, ein Gefühl der Befreiung oder aber auch Worte, die man deutlich und auch laut hört, obwohl sie lautlos sind.
Ein deutliches Kriterium für den Erhalt und die Klarheit der Information ist gegeben, wenn typische Begleiterscheinungen auftreten: Das Rauschen der Stille wird lauter, sogar dröhnend, ein Kribbeln in den Handflächen stellt sich ein usw. Die physische Gegenwart der Seele wird fühlbar und muss es auch sein. Die Anwesenheit der Seelenkraft muss irgendwann bemerkbar und spürbar werden; dann können wir sicher sein, dass die Verbindung da ist und sie ihre Wirkkraft entfaltet. „Es ist ein „Hier bin ich“, das du nicht hören, aber von Kopf bis Fuß spüren kannst.“ (Rumi: Das Matnavi II, 1193)
Die dritte Phase ist diejenige, in der die Gedankenströme vollends zur Ruhe gekommen sind und in der es darum geht, im Einssein mit dem Gottessohn im Innern schweigend zu verweilen. Das ist ein Stadium, das für den materiellen Menschen geradezu unerträglich wäre. Erst dann aber wird das „Denken der Seele“ richtig wirksam. Dieser zentrale Bestandteil der Interaktion unterscheidet sich grundsätzlich von der aktiven Betrachtung. Bewusstes Sein ohne Denktätigkeit ist ein Zustand, der für das Ego im Menschen gefährlich ist. Deswegen ist der Moment des Schweigens, der Pause, der Stille, vor allem eine Unterbrechung des Denkens, fürs Ego fürchterlich und zerstörerisch, weil in solchen Intervallen das Anklopfen der Seele hörbarer wird. Wird schon in Gesprächen jede Redepause schnell peinlich, so ist eine Unterbrechung des Gedankenstroms richtig gefährlich. Deshalb gibt es Menschen, die beim Versuch, meditative Stille herzustellen, in helle Panik geraten.
Die Grundhaltung beim Einstieg in diese schweigende Phase ist nicht ziellos, sondern eine des Horchens, des Hinhörens auf Impulse von innen, die durch die Bitte „Sprich!“ eingeleitet wird.
Ohne diese Voreinstellung erschwert man sich das Durchhalten der gedankenfreien Phase entscheidend. Beim Lauschen warten wir auf die Antwort der Seele und bereiten uns durch unsere Empfangsbereitschaft auf den kommenden Dialog mit ihr vor. Das ist der Bereich ohne Worte und Gedanken, die Meister Eckhart mit dem Ausdruck „ane bilde“ meint. Das tatsächliche Erreichen des Dialoges bedeutet, dass wir wie in einem physischen Gespräch in (eingeschränkter) Frage und Antwort mit der inneren Führung kommunizieren.
Das, was schon immer stattfand, nämlich die Versuche der Seele, den Menschen zu erreichen, nämlich durch bestimmte Träume, Zeichen, drängende Empfindungen, wurde ja nie als Suchen der Seele nach uns verstanden, sondern regelmäßig vom Egoprogramm in uns korrumpiert („Träume sind Schäume,“ „grenzt an ein Wunder“ usw.). Aber: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“
Das bedeutet, dass die Meditation der Schlüssel ist für die Erfahrung der lebensnotwendigen Wahrheit. Wie sollte aber dieses Wort „aus dem Mund Gottes“ durch den permanenten Strom der Worte und Gedanken vernommen werden können? Das ununterbrochene Herumtoben der nicht eingeladenen Gedanken ist das entscheidende Mittel des Ego, so zu verhindern, dass sich die Seele bemerkbar machen kann. So sagt die Gita auch klar aus:
„Versucht zu schweifen auch aufs neu
der flatternden Gedanken Schar,
hol immer wieder sie zurück,
bis sie des Selbstes Ruhe bannt.“
(VI, 26)
„Wer so dem Ewigen sich eint,
vom Sonderwollen sich befreit,
der wird, voll Wonne, sich bewusst
des Innengottes Gegenwart.“
(VI, 28)
Das Gute ist, dass es tatsächlich möglich ist, dem Trommelfeuer der Gedanken Einhalt zu gebieten, auch wenn das ausdauernden Übens bedarf. Das übliche Missverständnis kommt typisch in folgenden Sätzen zum Ausdruck: „Ich muss (!?)immerzu daran denken!“ Oder: „Ich denke jeden Tag daran!“ Ein folgenschweres Missverständnis.
Die Zähmung der Gedankenangriffe ist zumindest für den Westen eine Erkenntnis, die – abgesehen von den Mystikern – so alt noch nicht ist. Die ersten Übersetzungen der Weisheiten des Ostens gibt es erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und verbreitet wurden sie erst hundert Jahre später. Es stellen sich nach langem hartnäckigem Üben sporadisch, aber immer öfter Momente ein, in denen man die Annäherung an das ewige Selbst spürt.
In der passiven Phase lauschen wir also auf die „stille, sanfte Stimme“ und warten darauf, dass sie für uns hörbar wird. Denn wer fragt, muss auch Platz für die Antwort schaffen. Wir machen uns also dafür durchlässig.
Am Beispiel der Speisung der 5000 kann man deutlich sehen, wie Jesus dies vorführt: Er lauschte, schaltete also den problemlösenden Verstand aus, dankte (!), ging also nach innen, und empfing (siehe Kapitel 8).
Eben dies versucht das Ego mit allen Mitteln zu verhindern, denn das wäre sein Ende.
„If the doors of perception(!) were cleansed,
every thing would appear to man as it is, infinite.
For man has closed himself up …“
[„Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden,
erschiene dem Menschen alles, wie es ist, unendlich.
Aber der Mensch hat sich selbst eingeschlossen …“]
(William Blake: The Marriage of Heaven and Hell: A Memorable Fancy)
Für eine erfolgreiche Meditation ist nicht nur das Hinhören ausschlaggebend. Ebenso wichtig ist, wie wir dieses Verharren beenden: Wir warten auf einen Seelenimpuls der Freigabe. Den wird es in der ersten Zeit (nicht nur einige Monate) wahrscheinlich nicht geben, aber irgendwann, wenn wir ausdauernd und hartnäckig genug waren.
„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
von oben teilgenommen,
begegnet ihm die selige Schar
mit herzlichem Willkommen.“
(Goethe, Faust II, Bergschluchten, Chor der Engel)
Dann wird es eine irgendwie geartete Empfindung geben, die uns signalisiert, dass es jetzt mit der Kontemplation gut ist, dass der Moment gekommen ist, wo die Seele einverstanden ist und uns den Ausstieg signalisiert.
Ohne das Warten auf diese Freigabe ist der gesamte Versuch, den direkten „Draht“ zur inneren Stimme, zur Telefon-Centrale „C“, zu gewinnen, erschwert. Denn Freigabe heißt, dass die Seele uns bereits berührt. Nur mit dieser Berührung kommen wir unter den „Schirm des Höchsten.“ Erst dann kann man davon sprechen, dass der Dialog eröffnet ist.
Diese grobe dreiteilige Struktur ändert sich im Lauf des spirituellen Fortschritts. Der spirituelle Sucher macht die Erfahrung, dass sich Phasen, Formen, Zeiträume und Inhalte im Lauf der Entwicklung individuell verändern.
Durch den dialogischen Meditationsansatz werden wir als „abgehauener Ast“, der verdorren müsste, wieder aufgepfropft. Insofern ist das Meditieren das Gegenteil des herkömmlichen Gebets. Es ist nicht das, was vom Menschen ausgeht, sondern das, was zu ihm strömt, es ist der Durchbruch der sanften, leisen Stimme (1. Kö. 19, 12-13) zur bewussten Interaktion zwischen äußerem und innerem Menschen. Insofern finden nicht wir die Seele, sondern sie findet uns. Und wir „klopfen an“, machen uns durchlässig für sie und beginnen, zu ihrem Werkzeug zu werden.
Ein klassisches Beispiel ist die oben angeführte „Stimme“ von Jeanne d’Arc. Bei Johanna fällt auf, dass sie mit keiner Silbe irgendeinen Bezug zur Kirche herstellt, um von ihr geistige Führung zu erhalten. Es geht immer um den unmittelbaren Kontakt und niemals um eine vermittelnde Instanz. Sie brauchte sie nicht. Das kennzeichnet die Funktion des durch Meditation erreichten spirituellen Dialogs im Vergleich zur Rolle der Kirche:
„Ich glaube wohl, dass die streitbare Kirche nicht irren oder fehlen kann. Aber meine Worte und Taten übergebe und überlasse ich allein Gott, der mich tun hieß, was ich getan habe.“ (In: DIE ZEIT, Nr. 2, 05.01.2012)
Dieselbe Abstinenz in Bezug auf Einflüsse von außen ist im Übrigen in dem großen spirituellen Roman des Mittelalters „Parzival“ (Wolfram von Eschenbach) zu finden, in dem der Held auf seinem Erlösungsweg vom Bezug zu kirchlicher Gemeinschaft absieht. Auch war es Meister Eckhart, der überdeutlich das Monopol der Vermittlung des Heils durch die Kirche bestritten hat.
Die rasende Wut schottischer Presbyterianer auf die Quäker lässt sich an folgendem Ausrasten ablesen: „Verflucht seien alle, die da sagen, jedermann habe ein Licht, das genüge, um zu Christus zu führen“
(Paul Held: Der Quäker George Fox. Kap. 1)
Für eine ganze Reihe religiöser Organisationen ist das Vorkommen des direkten Drahts eine Anfechtung, beraubt er sie doch ihres Privilegs der Vermittlung zwischen Gott und Mensch. Das ist für sie eine Bedrohung. Deshalb wollen sie auf keinen Fall, dass man direkt zur Seele beichtet, sondern bestehen darauf, den Geistlichen dafür zu nehmen.
Deshalb grenzen sie solche Mystiker wie Al-Halladsch, Jesus, Meister Eckhart oder Jeanne aus, was heute zumindest im Prinzip nicht anders ist. Aber da ihnen die Scheiterhaufen abhandengekommen sind, ersetzen sie heute die Ausgrenzung durch Abgrenzung.
(Aber auch hier gilt, dass es oberflächlich wäre, Organisationen oder Personen verantwortlich zu machen. Das Übel hat mit den Personen direkt nichts zu tun, die nur Übermittler des generellen Programms der Selbsterhaltung sind. Es sind also im Grunde nicht die Kirchenvertreter, sondern das Egoprogramm in ihnen.)
Wirksames, weil dialogisches Meditieren mit dem Verzicht auf materielles Betteln kann man daran erkennen, dass das Leben harmonischer wird. Die Früchte des sich so entwickelnden geistigen Bewusstseins sind die deutlich erkennbare Zunahme von Harmonie in zwischenmenschlichen Beziehungen – was sich auch auf die Kinder auswirkt sowie Wohlergehen und Sicherheit im alltäglichen Leben. Es bereitet den Weg aus ständiger Sorge, aus Aggression und Angst, es bereitet den Weg aus dem Leid.
„Dann hat das Selbst sein Ziel erreicht.
So löst der Yoga die Haft ans Leid.
Drum üb‘ ihn mit Entschlossenheit,
damit auch dir Befreiung werd‘.“
(Bhagavad Gita VI, 23)