Für die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz ist ein Vergleich mit der des Tieres aufschlussreich.
Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier ein Entwicklungswesen. Tiere können sich nicht entwickeln, sie können sich nur anpassen, und das auch nur in eng begrenztem Umfang und auch nur auf der materiellen Ebene. Ihr Leben hat keine geistig höhere Stufe. Das Leben des Tieres besteht aus einem Verhalten, das ausschließlich der Selbsterhaltung dient. Der Löwe in seinem Rudel lebt aus dem Erjagen des Unterhalts, dem Verzehren und Verdauen der Nahrung sowie dem Ausruhen und Kräftesammeln, aus den Aktivitäten der Fortpflanzung sowie der Aufzucht und dem Schutz seines Nachwuchses, aus dem Wegbeißen interner Konkurrenten und den Kämpfen gegen äußere Eindringlinge. Aus diesem Programm kann er nicht ausbrechen: Der Sinn seines Existierens ist für ihn das Existieren.
Genauso wird auch beim Menschen sein Verhalten fast ausschließlich von diesem Programm des Überlebens gesteuert. Es ist seine tierische Erbmasse. Der substanzielle Unterschied zum Tier besteht darin, dass er – als einziges Lebewesen – über dieses rein materielle Programm hinaus ein zweites hat: Es ist das Gegenstück zum Selbsterhalt, es ist der Fremdenerhalt. Die Essenz dieses zweiten Programms ist die Unterschiedslosigkeit, die sich so als Fremdenliebe bzw. Alleliebe äußert:
„Ihr sollt euch untereinander lieben wie ich euch geliebt habe, auf dass ihr euch einander liebt.“ (Joh. 13, 34)
Das ist der Unterschied zur animalischen Liebe zu sich selbst und wie zur eigenen Brut (Leo Tolstoi: Bevorzugungsliebe). Die Fremdenliebe ist die göttliche Liebe zu allem und allen, wie sie das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeigt. Ihr Prinzip der besagten Unterschiedslosigkeit bezeichnet Jesus als „Feindesliebe“ (Mt. 5, 44). Er zeigt sie in Form absoluter Vergebungam Beispiel seiner Haltung zu den Folterknechten, die ihn ans Kreuz genagelt haben, („Vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk. 23, 34).
Wenn die Menschen der Mahnung zur Samariterliebe folgen würden, gingen sie mit Nachbarn, Konkurrenten, Gegnern, Flüchtlingen usw.um wie mit sich selbst: Das hätte zur Folge, dass andere mit ihnen so umgehen würden, wenn sie selbst diese Flüchtlinge wären. Das ist die Goldene Regel. Dann wäre die Welt zum ursprünglichen Paradieszustand zurückgekehrt ohne Angst, Sorge, Hass, Täuschung, Diebstahl, Raub, Vergewaltigung, Mord, Massaker und Krieg.
Im Unterschied zur tierischen Selbsterhaltung ist die Fremdenliebe die sichtbare Form der geistigen Liebe, unabhängig davon, inwieweit sie schon bewusst oder noch unbewusst ist. Ihre Instrumente sind Intuition, Gewissen und Eingebungen. Diese Eigenschaften hat das Tier nicht.
Die Fremdenerhaltung gehört zum „Sehen mit dem Herzen“ (St. Exupéry: Der kleine Prinz). Sie ist das Gegenstück zum Egoismus und hat die Erhaltung der gesamten Welt und die aller Menschen zum Ziel. Ihre zentrale Ausdrucksform im praktischen Leben ist die der Aufopferung, und zwar in erster Linie des Opferns von Bewusstseinsinhalten des Selbstbezugs, der Egozentrik.
In besonders krasser Form hat Jesus diese 180°-Wende vollzogen. Als in der Schöpfungsgeschichte Adam seinen Selbstbezug bzw. Selbstliebe entdeckt hat, wollte er „sein wie Gott.“ (1. Mo. 3, 5) Jesus hat dann die Rückkehr aus dem materiellen Ego-Bewusstsein zurück ins geistige – „zum Vater“ (Lk. 15, 18) gezeigt. Seine Wende ist konkret eine Abkehr von der Selbsterhaltung in Form der Kreuzigung.
Dadurch hat er die Entwicklungsfähigkeit des Menschen hin zur wahren, weil unterschiedslosen Erhaltung der Mitmenschen demonstriert. Aber trotz dieses Leitideals aller (!) Weisheitslehren (Siehe Kapitel 1) bleibt für 99 % der Menschen der Sinn ihres Existierens ihr individuelles Existieren, für die meisten davon ausschließlich.
Wie übermächtig der Selbsterhaltungstrieb den Menschen regiert und wie dieser ohnmächtig gehorcht, zeigt eindrucksvoll die Eröffnungssequenz des Östlund-Films mit dem vielsagenden Titel „Höhere Gewalt“: Ein schwedisches Ehepaar macht mit den beiden Kindern Skiurlaub in den Alpen. Die Familie sitzt gerade beim Mittagessen auf der offenen Dachterrasse des Hotels, als eine riesige Lawine auf das Hotel zurast. Sie schiebt eine gewaltige Wand aus Schneenebel vor sich her, deren Vorläufer die Terrasse erfasst. Während die Mutter ihre Kinder an sich reißt, ergreift der Vater panisch die Flucht und ist auf und davon. Die Lawine selbst kommt aber vor dem Hotel zum Stehen. Nachdem der Sturm sich gelegt hat, stellt die Mutter ihren Mann zur Rede. Dieser bestreitet zunächst, sich nicht um seine Frau und die hilflosen Kinder gekümmert zu haben. Als sie ihm aber ihre Handyaufnahme zeigt, muss er eingestehen, sie tatsächlich im Stich gelassen zu haben. Beide verstehen nicht, wieso er so gehandelt hat. Dies ist der Anfang der Handlung, in der die Protagonisten in der Folge versuchen, ihr Verhalten zu verstehen und sich dabei aber vor allem Vorwürfe machen.
In manchen Rezensionen zum Film ist dann die Rede von entweder gesunden Instinkten oder erbärmlicher Feigheit oder aber auch von Gefühlskälte und dann noch anderen Interpretationen. Die Rezensenten gelangen nicht einmal entfernt in die Nähe des Sachverhalts, dass und wie der Selbsterhaltungstrieb als Basisprogramm unserer animalischen Vorfahren in jedem Menschen wirkt wie in diesem Fall bei beiden Eltern. Die Mutter schützt wie die Tiermutter als Erstes ihre Brut. Die meisten anderen Menschen hätten in einem solchen Fall ebenfalls nichts anderes getan als direkt die eigene Haut zu retten oder wie die Mütter ihre Kinder in erweitertem Sinn. Die Eheleute verstehen nicht, dass nicht der Vater als Person bewusst handelte, sondern sein tierisches Selbsterhaltungsprogramm ihn steuerte. Die Menschen bleiben an der sichtbaren Oberfläche und sehen den Hintergrund für das menschliche Verhalten nicht.
Die Suche nach der Antwort auf die Sinnfrage wird erschwert durch den Umgang der Menschen mit dem Gebot der Nächstenliebe, die Gegenstand aller (!) Weisheitsschriften ist (Siehe Kapitel 17): Sie verstehen sie als wortwörtlich Nächste und damit auf die Hinwendung, Hingabe und sogar Aufopferung ausschließlich in Bezug auf die Mitmenschen in ihrer nächsten Umgebung wie Partner, Kinder, Eltern, Freunde usw. Diese Sicht der Dinge kann sich auch noch auf Mitglieder der eigenen Volksgruppe oder Nation beziehen.
Aber diese Form der „Bevorzugungsliebe“ zur jeweiligen Umgebung – in krassem Gegensatz zu Jesu Fremdenliebe – wird auch von den meisten anderen Säugetiere im Rahmen von Rudel, Rotte, Herde usw. reproduziert, zumindest eine Zeit lang. Sie ist wie gesagt die tierische Form der Liebe.
Die Texte aller Religionen hingegen gebieten das Gegenteil, nämlich das selbstlose Eintreten für alle anderen, was oft mit dem Fremdwort „Altruismus“ bezeichnet wird. Allerdings äußert sich diese menschliche Form von Uneigennützigkeit – zum Beispiel zu den Kindern – allzu oft als versteckter Selbstbezug: Denn sie reproduziert lediglich unser tierisches Selbsterhaltungs-Erbe, weil sie lediglich die eigene Brut schützt und damit nichts anderes ist als Selbsterhaltung in erweiterter Form. Das kann man unter anderem gut daran erkennen, dass zum Beispiel Milliardäre öffentlich mit dem Gedanken spielen, von ihrem 100-Milliarden-Vermögen 99 Milliarden zu spenden; oder Spender lassen im Rahmen von Krisenhilfe bei den TV-Katastrophenbildern ihre großen oder kleinen Beiträge mit Namensnennung mittels Laufband in der TV-Berichterstattung am unteren Bildrand einblenden lassen. Diese „positive“ Ausdrucksform der egozentrischen Selbsterhaltung wird von mindestens 99 % der Menschen gelebt. Wem diese prozentuale Zuordnung übertrieben erscheint, der könnte sich klarmachen, dass zum Beispiel in einem Dorf mit 500 Einwohnern es schon mal fünf geistig erleuchtete Personen nach dem Vorbild von Mandela, Gandhi oder Mutter Teresa geben müsste, um die besagte Aufopferung zu leben. Denn diese funktioniert nur mit geistigem Bewusstsein, dessen wesentliches Merkmal eben dieses bewusste Opfern enthält. Damit ist nicht als Erstes das Hingeben materieller Werte gemeint, sondern dasjenige des Egoismus, des Selbstbezuges in jeder kleinen und großen Aktion im Alltagsleben und erst recht im Umgang mit Feinden:
Dies hat Jesus in der Bergpredigt genauestens aufgezählt wie unter anderem das absolute und unbedingte Vergeben sowie das Bewusstsein, dass man, bevor man auf den Splitter im Auge des anderen losgeht, den Balken im eigenen zu erkennen hat. Er gebietet aber vor allem die Feindesliebe, die ja mit Liebe im landläufigen Verständnis nichts zu tun hat (Siehe Kapitel 17), sondern „nur“ aus der Erkenntnis besteht, dass in jedem Menschen der göttliche Kern existiert, unabhängig davon, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Nicht.
Deshalb heißt es in diesem zentralen heiligen Buch des Hinduismus: „Das Opfer ist des All‘s Gesetz.“ (III, 15) Und der Kern des Opferns ist das des tierischen Bewusstseins der unbedingten Selbsterhaltung, in das wir wie auch unsere Eltern und deren Eltern usw. hineingeboren wurden.
Dennoch klärt das Gebot des Opferns des Ego nicht ausreichend über das Ziel auf. Diese Sinnfrage des Lebens auf der irdischen Bühne beantwortet Jesus:
„Ihr sollt vollkommen sein, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Mt. 5, 48)
Schon Platon hat erkannt, was mit Vollkommenheit ausgesagt ist: Sie ist die höchste Seinsform des Lebens, geformt durch geistiges Bewusstsein (Siehe Bergpredigt). Platon nennt sie „Ideenwelt.“ Sie enthält kein Böses mehr, was der Buddha bekanntlich als Leidfreiheit bezeichnet hat. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Unveränderbarkeit, weil es in ihr nichts mehr gibt, was zu verändern wäre. Diese Stufe des geistigen Bewusstseins und Lebens kann der Mensch auf der irdischen Ebene fast vollständig erkennen und bewusst entwickeln, bis zur für ihn ermöglichten Vollkommenheit.
Zwar ist die Ebene der materiellen Welt grundsätzlich unvollkommen, weil es in ihr nichts gibt, was unveränderlich bzw. unveränderbar sein könnte, nicht einmal der härteste Granitfels. Aber Jesus hat mit der Bergpredigt und natürlich mit seiner Lebensführung die Vervollkommnung durch Abkehr vom Ego als Sinn deutlich genug demonstriert.
Goethe hat das mit dem Chor der Engel so beschrieben:
„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ (Faust II, Bergschluchten)
Die Auffassung vom Sinn des Existierens als dem des Existierens kommt seit Jahrtausenden als die unbedingte Selbsterhaltung zum Ausdruck, als die Selbstbezogenheit (Ego). Sie führt zu Zerrüttung und zunehmendem Zerfall in allen Lebensbereichen; wir alle sind ihr Zeuge, ihr Täter und ihr Opfer. An der gesamten Menschheitsgeschichte sehen wir, wie Freundschaften und fast alle Ehen zerbrechen oder zumindest veröden und wie Gewalt, Krise, Katastrophe, Krieg und Tod immer waren und gegenwärtig erst recht sind.
Natürlich gibt es immer starke Bestrebungen, vor allem bei der Jugend, die „Welt (!) ein Stück besser zu machen.“ Dabei kommt sie nicht auf die Idee, dass das noch nie funktioniert hat, denn trotz aller Sozialgesetzgebung und der Auto-Elektrifizierung lügen, hassen und betrügen die Menschen unverändert nach wie vor. Hauptsächlich aber sehen sie nicht, dass diese Welt nicht nur eine materielle Achse, sondern vor allem auch eine geistige hat.
Um das Vertauschen der Sinngebung rückgängig zu machen, sind vor 3000 Jahren die Religionsstifter auf die Bühne der Geschichte getreten. Sie haben deutlich gemacht, dass es darum geht, sich zu entwickeln hin zur Bestimmung der Vervollkommnung (Mt.5, 48). Diese bedeutet einmal die bewusstseinsmäßige Wende hin zum Erhalt aller anderen Menschen (Mt. 5, 44). Das geht nur über die Ausweitung des rein materiellen Bewusstseins auf die geistige Ebene.
Wer auf die menschliche Vergangenheit generell zurückblickt, der sieht, dass es zwar im Lauf der Geschichte erhebliche Harmonisierungen des menschlichen Lebens gegeben hat, von der Erfindung des Rades hin zum Fliegen, weg von der weiblichen Genitalverstümmelung hin zur MeToo-Bewegung, von der Sklaverei hin zur Demokratie. Dabei bleibt verdeckt, dass all diese Wachstumsprozesse auf die materielle Stufe beschränkt geblieben sind und am „Krieg aller gegen alle“ (Thomas Hobbes: De cive) nichts geändert haben. Das gilt unter anderem für das ausnahmslose Streben nach Vergeltung – die Wortwahl der Menschen ist „Gerechtigkeit“, um das Wort Rache zu vermeiden. Das gilt auch für den Wohlstand der einen auf Kosten der anderen und auch für die Liebe zu den eigenen Leuten und für die Ressentiments gegen die anderen. (Ausnahmen sind die geistigen Wachstumsprozesse seit den Auftritten der Religionsstifter, aber diese wenigen Prozente spiritueller Reife haben am generell desaströsen Zustand des Zusammenlebens nicht viel geändert.) Die Menschen wollen wie gesagt Rache und sie wollen egoistische Selbstverwirklichung, die sie Freiheit nennen. Sie wollen bedingungslose Selbsthaltung und sagen auch offen, dass „sich letztlich jeder selbst der Nächste ist.“ Sie erkennen die Einheit der Finger an der Hand nicht. Das Prinzip der Überwindung der Selbsterhaltung durch die Hingabe für die fernsten „Nächsten“ haben solche Leuchttürme wie Martin Luther King, Gandhi, Pater Kolbe, Janusz Korczak, Mutter Teresa und viele andere deutlich genug gezeigt, aber Hass auf Migranten aller Art, Abneigung gegen andere Ethnien innerhalb der eigenen Bevölkerung und natürlich die Feindseligkeit schon gegen den bösen Nachbarn haben sich seit Beginn unserer Geschichte nicht verändert.
Das animalische Ziel des Existierens, dass das Ziel des Seins das Sein sei, hat sich im Lauf der Entwicklung natürlich verfeinert, und zwar in Richtung eines möglichst erträglicheren Existierens in immer angenehmerer Form. Dabei wollen die Menschen nicht sehen, dass es nicht funktioniert, weder in der Ehe noch im Beruf, weder in der Schulklasse noch im Dorf, weder in der Stadt noch zwischen den Generationen noch im Zusammenleben der Völker. Es ist eben der „Krieg aller gegen alle“, wie Thomas Hobbes das formuliert hat. Und daran hat sich in den letzten 12 000 Jahren des Homo sapiens nichts geändert. Die Idee, dass das Ziel des Existierens nicht das Existieren wie bei den Tieren sein könnte, sondern einen höheren Sinn habe und welchen, wie es Bibel, Gita, Koran, Pali-Kanon oder Tao Te King aufzeigen, spielt im Leben der besagten 99 % keine Rolle, kaum im Bewusstsein und schon gar nicht praktisch.
Der Mensch bleibt auf der materiellen Stufe stecken und versteht im Regelfall unter Vervollkommnung nur die soziale und technologische, worin er die Rettung des Planeten erkennen will. Von der Rettung des Menschen vor dem Menschen („Ein Mensch ist eher ein Wolf als ein Mensch für einen anderen Menschen, wenn er noch nicht herausgefunden hat, wie dieser Mensch wirklich ist.“ Plautus: Asinaria) hat er keine Vorstellung, die Bergpredigt kennt er, folgt ihr aber nicht. Alle Bestrebungen mit „Fortschritt“ durch „Technologieoffenheit“ und ähnlichen Zukunftsvorstellungen verbauen nur den vertikalen Rettungsweg.
Zentrale Veranschaulichung des geistigen Prinzips des Weges zur Sinngebung ist das Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Dessen ursprünglicher Zustand ist ein Leben beim Vater auf der geistigen Stufe. Der Sohn verlässt diese Stufe und lässt sich hinab auf die Ebene der materiellen Welt, unter Mitnahme seiner materiellen Güter, aber ohne seine geistige Sohnschaft (Intuition, Bauchgefühl, innere Stimme) zu verlieren. Dort verprasst er seinen Besitz und landet im absoluten Elend. Erst dadurch – vgl. Kapitel 13 zur Funktion des Leidens im menschlichen Leben – erkennt er die Ursache für seinen Absturz („gesündigt gegen den Himmel“; Lk. 15, 21). Daraufhin entscheidet er sich für den Weg zur Befreiung von seinem Leiden, für die Rückkehr ins geistige Bewusstsein und damit zum „Vater“ (Lk. 15, 18). Dies spricht Jesus klarer aus:
„Zum Vater in mir.“ Erst recht Lukas unterstreicht die Sicht auf die Hand im Handschuh:
„Sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch!“ (Lk. 17,21)
Der Bezug zur Situation unserer gegenwärtigen Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist unübersehbar: Der Begriff „verprassen“ benennt die Überausnutzung und Verbrennung unserer planetaren Ressourcen mit der Folge der Klimakatastrophe. Diese rücksichtslose Egozentrik wird noch gesteigert durch den ebenso rücksichtslosen Umgang mit Migranten, der das Gegenteil zur unterschiedslosen Liebe des Samaritaners ist, ebenso das Gegenteil zu Jesu Feindesliebe und damit die besagte Sündigung gegen den Himmel.
(Damit ist in Bezug auf die Migrantenpolitik nicht ein schrankenloses Öffnen der eigenen staatlichen Grenzen gemeint, das letztendlich zum Zusammenbruch des Gesamtsystems führen würde, sondern die unterschiedslose Fürsorge von allen für alle, vor allem für die dortigen Bedürftigen.)
Das Selbsterhaltungsprogramm in seiner eher harmlosen Form sieht man schon an den verzerrten Gesichtern der Fußballfans im Stadion bei jedem Tor, bei jedem Sieg und bei jeder Niederlage, wenn die eigene Selbstbestätigung durch das Tor angehoben oder durch die Niederlage gefährdet wird. Aber schon erheblich schärfer wirkt sie auf das alltägliche Leben des Menschen ein: Das zeigt sich beim „kreativen“ Umgang mit der Einkommensteuererklärung, bei allen nachbarlichen Streitereien, juristischen Auseinandersetzungen und ehelichen Rosenkriegen, setzt sich fort über den kollektiven millionenfachen Betrug wie dem Dieselgate der deutschen Automobilkonzerne und auch dem systemischen Vertuschen der Kirchen, was die Missetaten der unzähligen Straftäter und die Straftaten in ihren Reihen betrifft. Auf allen Stufen der kirchlichen Hierarchien kann man sehen, was das Selbsterhaltungsprogramm in den Würdenträgern anrichtet. (theologe.de/schwarzbuch_katholische-kirche.htm;
theologe.de/schwarzbuch_evangelische-kirche.htm)
All diese Erscheinungsformen zeigen, dass es sich nicht um spezifische Merkmale der einen oder anderen Gruppe handelt, sondern um das universelle Ego als Verkörperung des Selbsterhaltungstriebs in der jeweiligen Verkleidung. Die Liste der Beispiele für die Wirkweise dieses menschlichen Programms ist aber mit den genannten Beispielen des Lügens und Betrügens bei weitem nicht ausgeschöpft: Von der weiblichen millionenfachen Genitalverstümmelung über Massenvergewaltigungen, Bürgerkrieg, Angriffskrieg und Völkermord wie dem Holocaust (Hitler: „Der Jude muss weg.“) unterliegt das gesamte menschliche Verhalten diesem Antrieb der eigenen Überlebenssicherung. Es ist wie gesagt unser tierischer Anteil, den Goethe in Faust I klarsichtig als „tierischer als jedes Tier“ (Auerbachs Keller) kennzeichnet. Tiere bauen keine KZ-Vernichtungslager.
Jesus hat die Sinnfrage mit der Vervollkommnung und dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn beantwortet, in abstrakter Form mit der Rückkehr aus dem materiellen ins geistige Bewusstsein, in konkreter Form mit der Abkehr vom absoluten Selbsterhaltungstrieb – durch die Kreuzigung – und der Hinwendung zur Erhaltung aller. Was er nicht gezeigt hat, war die damit verbundene Folge der Leidfreiheit. Diese haben dafür die anderen Stifter übernommen, vor allem der Buddha. In erster Linie aber sind es die handfesten Erfahrungen aller derjenigen, die den Weg weg vom Ego eingeschlagen haben.
Was die Leidfreiheit betrifft, so bedeutet sie nicht, dass diese spirituell geläuterten Sucher nun von allen Unannehmlichkeiten und persönlichen Krisen unserer Gut-Böse-Welt verschont zu werden. Vielmehr existieren auch für sie manche Wechselfälle des Lebens, auch wenn diese keinen massiven Charakter mehr haben und auch keine Wirkkraft mehr.
Ein Beispiel für die konkrete Leidfreiheit in der Lebensführung beschreibt Hermann Hesse in seinem Roman „Siddharta“ im Kapitel „Bei den Kindermenschen.“
Derjenige, der die Antwort auf die Frage nach der Sinngebung menschlichen Lebens sucht, kommt an seiner Zwischenstellung zwischen dem tierischen Verhaltensprogramm der Selbsterhaltung und dem göttlichen der Selbsthingabe und Fremdenerhaltung nicht vorbei: Trieb des eigenen Überlebens: Tier, Überleben aller: Gott. Dazwischen: Der Mensch mit seinem freien Willen.